Erfolgreicher Sound

Eine Veranstaltung über Marxismus und Staat in Berlin

Bericht über das MEZ-Seminar "Marxismus und Staat" am 11. April 2015

Von überall her, auch von links, ist zu hören, der Staat, genauer der Nationalstaat, sei überlebt oder schon gestorben, ohne es zu wissen. Das »Absterben des Staates« also vor dem Untergang des Kapitalismus? Solch zärtlicher Umgang mit kriegführenden Armeen und Geheimdiensten, Bankrettungsaktionen, Grenzen etc. ist erstaunlich. Die etwa 30 Interessierten, die sich am Sonnabend im Marx-Engels-Zentrum Berlin-Charlottenburg zum Seminar »Marxismus und Staat« einfanden, gehörten offenbar nicht zu den Anhängern dieses erfolgreichen Sounds. Sie waren gekommen, um die Publizistin Sabine Kebir zu »Gramscis Staatskonzeption und die Rolle der Zivilgesellschaft« sowie den Schriftsteller und Journalisten Dietmar Dath zu »Lenins Staat und Revolution« zu hören.

Leider war Dath erkrankt, so dass nur ein kurzes Referat von ihm vorgetragen werden konnte. Sein Ausgangspunkt: Lenin habe »in allen seinen einschlägigen Veröffentlichungen den allergrößten Wert darauf« gelegt habe, dass er es nicht für nötig hielt, die von Marx und Engels geleistete doppelte Bestimmung, was ein Staat sei, um irgendetwas Wesentliches zu ergänzen: Inhaltlich die Charakterisierung als Instrument zur Niederhaltung der unterdrückten und ausgebeuteten Klassen durch die unterdrückenden und ausbeutenden. Formal Bestimmungen wie Grenzen, juristische und politische Einrichtungen, besondere Formationen bewaffneter Menschen etc. Dem werde heute entgegengehalten, in der Globalisierung seien die räumlichen und zeitlichen Grenzen aufgehoben, insbesondere durch elektronische Netze. Dath: »Nun ja, das wird den türkischen Staat Ende März nicht getröstet haben, als entweder ein Unfall oder gezielte Cyberangriffe große Teile der Stromversorgung nicht nur in Istanbul lahmlegten.« Auch inhaltlich sei die Marx-Engelssche Bestimmung – siehe EU – nicht überholt.

Antonio Gramsci, zeigte Sabine Kebir in ihrem materialreichen Vortrag, schloss Lenin in dieser Frage an. Der italienische Revolutionär legte den Akzent allerdings nicht auf das »Absterben«, sondern auf die Demokratisierung und formulierte in diesem Sinn, Ziel des Staates sei sein »eigenes Ende«, die Aufhebung in der »Zivilgesellschaft«, zu der er im Widerspruch stehe. Davor, vor der sozialistischen Revolution, stehe aber in Westeuropa anders als im analphabetischen, durch Religion geprägten Russland von 1917 eine mühevoller Kampf um Eroberung von »Festungswällen und Kasematten« im Bewusstsein der Bevölkerung. Die rege Diskussion zeigte: Das »Absterben des Staates« galt den Anwesenden nicht als Faktum, sondern als mit Skepsis zu betrachtendes historische Erwägung.

Autor: Arnold Schölzel

Erschienen am 14.04.2015 in der Tageseitung "Junge Welt".

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