Intern, extern oder gar nicht. Gibt es nun eine allgemeine Krise des Kapitalismus?

Gibt es nun eine allgemeine Krise des Kapitalismus? In Berlin waren sich die Referenten des MEZ nicht einig.

Bericht über das MEZ-Seminar "Leben wir noch in der Allgmeinen Krise des Kapitalismus?" am 30. April 2016

Seit dem Anfang der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2007 wird unter Linken versucht, deren Komplexität auf den Begriff zu bringen. Es geht nicht nur um ökonomische Probleme: Klassenkampf, Neokolonialismus, Naturzerstörung, Welthunger, Demokratieabbau, Kriege und Ideologieverfall – auch das gehört dazu. Die Sache ist unter Linken insofern klar: Man muss die Welt auch interpretieren, also Begriffsarbeit leisten, um mit einer Erkenntnis vom Wesen dieser Krise strategisch etwas entgegensetzen zu können. An Bezeichnungen wie »multiple«, »Mosaik-« oder »große Krise« ist schon abzulesen, dass deren Verfechter die verlangte Arbeit am Begriff nicht gelungen ist und sie über ein Verstandesdenken nicht hinausgekommen sind. So setzen sie die Krisenphänomene – analytisch brillant – nebeneinander, stellen auch hier und da einige Zusammenhänge fest, ohne sie aber in ihrer Gesamtheit und als Ganzes, geschweige denn in ihrer Entwicklung zu erfassen.

Dieser Mangel an Geisteskraft hat einen Teil der marxistischen Linken bewogen, den nach dem Zerfall der sozialistischen Staaten unpopulär gewordenen Begriff »allgemeine Krise des Kapitalismus« zu reanimieren. Im Berliner Marx-Engels-Zentrum wurden darum am vergangenen Sonnabend drei Wissenschaftler zum Vortrag über die angestaubte Kategorie gebeten: der Philosoph Wolf-Dieter Gudopp-von Behm sowie die Ökonomen Thomas Kuczynski und Stephan Müller. Im Vergleich der Vorträge der beiden Erstgenannten wurden schon methodologische Differenzen deutlich, wie überhaupt der Begriff zu konstruieren ist.

Gudopp-von Behm machte deutlich, dass ein solcher Begriff nicht auf bloß empirischem Wege erbracht werden kann, weil auch theoretische, rein gedankliche Elemente in die Begriffsmodellierung eingeflochten werden müssen. Seit Friedrich Engels in Umkehrung und Verwissenschaftlichung des Hegelschen philosophischen Systems gefordert hat, dass die empirischen Wissenschaften – dazu zählt die politische Ökonomie – die für ihren Bereich relevanten Gesamtzusammenhänge denken müssen, sind sie gezwungen, auch theoretisch, also philosophisch zu denken. Genauer müssen nach Gudopp-von Behm die von den empirischen Wissenschaften strukturierten Daten zur Verfasstheit des Kapitalismus in all seinen Facetten noch einmal reflektiert werden. So entstehe eine wissenschaftliche Generalvorstellung von der wirklichen allgemeinen Bewegungsweise des Kapitalismus. So werde deutlich, dass der Begriff »allgemeine Krise des Kapitalismus« eine historische, eine bewegliche Kategorie ist, die permanent mit neuem empirischen Material gespeist wird und in der Reflexion dieser empirischen Reflexionen die grundlegende Bewegungsweise des Kapitalismus zum Vorschein kommt.

Ohne diese zweite Reflexionsstufe bekommt der hier behandelte Begriff eine andere Struktur und auch einen anderen Inhalt. Dies demonstrierte Thomas Kuczynski in seinem Vortrag. Der Berliner Ökonom zeichnete die Entwicklung des Begriffs in Arbeiten des Chefökonomen der Kommunistischen Internationale (KI), Eugen Varga, nach. Dieser – so Kuczynski – rede von der allgemeinen Krise des Kapitalismus in Verbindung mit der Existenz sozialistischer Staaten und des Befreiungskampfs in Kolonien. Diese beiden externen, außerhalb des Kapitalismus stehenden Größen verursachen dessen allgemeine Krise, indem sie dessen Wirkungskraft einschränken und schließlich dessen Untergang besorgen. Also nicht intern, nicht der Grundwiderspruch des Kapitalismus selbst, wie bei Gudopp-von Behm, ist das Wesen der allgemeinen Krise. Vorteil: Das Subjekt der progressiven Umwälzung der Misere wird so deutlich. Heute, nach dem Zugrundegehen der sozialistischen Staaten in Osteuropa und der Umwandlung der antikolonialen Bewegung in handzahme Regierungen, könne der Kapitalismus zwar immer noch in zyklische Krisen geraten; sie sei aber nicht allgemeiner oder gar finaler Art. Und die besonderen habe er bisher immer gemeistert, weil das System über starke Integrationskraft verfüge. Es könne so gut wie alles dem Markt und dessen Gesetzen einverleiben. Momentan entdecke es dafür die Biosphäre – Stichworte: sauberes Wasser, Rechte an Pflanzen, an Genen etc. Es mache sich hier ein schier unerschöpflicher Markt auf, der dem Kapitalismus noch ein langes Leben beschere – 500 Jahre, wie der Politikwissenschaftler Georg Fülberth geschätzt habe. Von einer allgemeinen Krise des Kapitalismus zu reden, wird von Kuczynski abgelehnt. So bleiben nur die zyklischen Krisen. Deren Zusammenhang ist dann bloß verstandesgemäß mit statistischen Messungen möglich.

Der dritte Beiträger, Stephan Müller von der Kommunistischen Arbeiterzeitung, hatte sich ebenfalls Vargas Arbeiten zur Grundlage seines Vortrags gemacht. Müller aber nahm sich dessen statistisches Material zur Weltindustrieproduktion im Zeitraum von 1880 bis 1958 vor, um die Entwicklung der allgemeinen Krise in drei Etappen darzustellen. Er machte praktisch das, was Gudopp-von Behm vor allen Dingen theoretisch forderte: die zweite Reflexion, die die grundlegende Bewegungsweise des Kapitalismus darlegt. Dessen war sich der Referent auch bewusst und, motiviert durch die Differenz in der theoretischen Anlage der Vorträge seiner Vorredner, brachte er die Sache auf den Punkt: Ohne Begriffe kein Wissen vom Gesamtzusammenhang des Kapitalismus, ohne Gesamtzusammenhang keine Orientierung im Befreiungskampf von ihm. In seinem Parforceritt konnte selbstverständlich nur eine grobe Skizze von der Bewegungsform der allgemeinen Krise entstehen, worin das interne Subjekt der Umwälzung des kapitalistischen Systems herausgestellt wurde, nämlich die eine Seite des ökonomischen und ideologischen Klassenkampfes. Müllers Beitrag und die der anderen Referenten sind auf der Internetseite des MEZ Berlin nachzulesen. Ein schöner Service der Einrichtung, die in der Arbeit an marxistischer Krisenanalyse einen wichtigen Beitrag leistet.

Andreas Hüllinghorst

Aus der Tageszeitung Junge Welt vom 3. Mai 2016

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