Bonapartismus als bürgerliche Herrschaftsform

von

Der Marxismus Domenico Losurdos - Über den Zusammenhang seines Denkens (Teil 16)

Wie ist es möglich, dass das kapitalistische Gesellschaftssystem, in dem ja nur eine kleine Bevölkerungsminderheit über die Produktionsmittel verfügt unter den Bedingungen des allgemeinen und gleichen Wahlrechts überleben kann? Um eine Antwort darauf zu finden untersuchte Domenico Losurdo in seinem bereits 1993 veröffentlichten Buch Democrazia o bonapartismo. Trionfa e decadenca del suffragio universale (auf Deutsch erschien es erst 2008 unter dem Titel „Demokratie oder Bonapartismus. Triumpf und Niedergang des allgemeinen Wahlrechts“) die Staatsformen der bürgerlichen Gesellschaft. Für das Verständnis des Denkens Domenico Losurdos ist es ein überaus wichtiges Buch, vergleichbar nur mit seinem 2005 und damit zwölf Jahre später geschriebenen Grundlagenwerk „Freiheit als Privileg - zur Geschichte und Kritik des Liberalismus“, kritisiert er doch in dem Bonapartismus-Buch nicht alleine nur die politischen Systeme der westlichen Welt, sondern formuliert darin zugleich die zentrale Aufgabe der Linken, gegen den Niedergang des allgemeinen Wahlrechts und damit überhaupt für die Demokratie zu kämpfen. Es ist daher nicht übertrieben zu sagen, dass man dieses Buch zur Kenntnis nehmen muss, um Losurdo verstehen zu können.

Die gesamte Historie der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Deutschlands und Italiens der letzten 200 Jahre steht in dem Buch „Demokratie oder Bonapartismus“ zur Investigation. Ein Werk, das von seinem Ansatz, seiner Stofffülle und seiner Ambitioniertheit vergleichbar ist mit Erik Hobsbawms epochalem Werk „Zur kurzen Geschichte des 20. Jahrhunderts“, Luciano Canforas „Kurzer Geschichte der Demokratie“ oder mit Arthur Rosenbergs Buch „Demokratie und Sozialismus“ von 1937.

Losurdo geht es um die Herausarbeitung von Mustern, von bestimmten Formen der Staatstätigkeit, derer sich die Eliten bedienen, um sich den für sie unangenehmen Folgen des allgemeinen und gleichen Wahlrechts entziehen zu können. Und hier ragt eine Regierungsform besonders heraus: Der Bonapartismus. Mit ihm entsteht bereits im Moment des Kampfes um das allgemeine Stimmrecht, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Antwort der Herrschenden auf diese Herausforderung. Als erster hat Karl Marx als Zeitzeuge die Bedeutung dieser neuen Herrschaftsform erkannt und in seiner Schrift „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ [1] analysiert. Seitdem lässt dieses Thema marxistische Gesellschaftswissenschaftler nicht mehr los. Und so blickt die Analyse des bürgerlichen Herrschaftsmodells des Bonapartismus auf eine lange marxistische Tradition zurück. Am Beginn stand die Marxsche Analyse des Ausgangs der französischen Revolution von 1848. Bereits 1852 bezeichnete Friedrich Engels sie als Muster der Herrschaftsform der bürgerlichen Gesellschaft in Europa schlechthin. Im 20. Jahrhundert wurde sie zur Deutung des Phänomens des aufkommenden Faschismus herangezogen. Zu nennen sind hier die Arbeiten von Arthur Rosenberg, Clara Zetkin, Leo Trotzki, August Thalheimer, Otto Kirchheimer und Ernst Fraenkel. In der Bundesrepublik Deutschland war es Reinhard Kühnl, der in seinem Buch „Formen bürgerlicher Herrschaft“ die verschiedenen Metamorphosen des Bürgertums beschrieb, mit deren Hilfe es auch in extremen Krisensituationen seine Macht sichert, notfalls eben auch mit Terror und Krieg. In der jüngeren Theoriegeschichte sind es neben Domenico Losurdo der italienische Philosoph Luciano Canfora, die die bonapartistische Herrschaftsform zur Erklärung der gegenwärtigen bürgerlichen Herrschaftsformen heranziehen.

Losurdo beschränkt die Gültigkeit des Herrschaftsmodells des Bonapartismus im Unterschied zu den klassischen marxistischen Analysen aber nicht allein auf eine Phase der französischen Geschichte oder auf den italienischen bzw. deutschen Faschismus. Er sieht in ihm vielmehr ein grundlegendes Muster bürgerlicher Gesellschaften: „Der Bonapartismus, der so Gestalt annimmt, trägt (...) eine lange Geschichte mit sich und wirkt in neuen Formen auch in der Gegenwart“. [2] Vor allem in der Regierungsform der USA sieht Losurdo einen „Soft - Bonapartismus“ verwirklicht. Das Buch „Demokratie oder Bonapartismus“ bezieht sich denn auch „hauptsächlich auf die Wirklichkeit der Vereinigten Staaten.“ [3]

Die Herrschaft des Louis Napoleon Bonaparte

Zurück zum historischen Ausgangspunkt: Was geschah da 1850/51 Umwälzendes in Frankreich? In der 1848 in Frankreich ausgebrochenen Revolution machte sich zum ersten Mal der Einfluss des Proletariats bemerkbar. Die von den Pariser Arbeitern im Februaraufstand erkämpften Nationalwerkstätten in denen Zehntausende von ihnen Arbeit und Brot gefunden hatten bestanden nur kurze Zeit. Bereits nach wenigen Monaten wurden sie von der bürgerlichen Regierung aufgelöst. Dagegen erhoben sich die Arbeiter im Juni 1848. Es folgte eine dreitägige Schlacht, die Tausende Todesopfer forderte. [4] Karl Marx beschrieb in seiner Schrift „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“ die Ereignisse und verwies zugleich auf ihre historische Bedeutung als „erste große Schlacht“ zwischen den beiden Klassen Bourgeoisie und Proletariat: „Es blieb den Arbeitern keine Wahl, sie mussten verhungern oder losschlagen. Sie antworteten am 22. Juni mit der ungeheuren Insurrektion, worin die erste große Schlacht geliefert wurde zwischen den beiden Klassen, welche die moderne Gesellschaft spalten. Es war ein Kampf um die Erhaltung oder Vernichtung der bürgerlichen Ordnung. Der Schleier, der die Republik verhüllte, zerriss.“ [5] Die Regierung ging rücksichtslos vor: „Es ist bekannt, wie die Bourgeoisie sich für die ausgestandene Todesangst sich in unerhörter Brutalität entschädigte und über 3.000 Gefangene massakrierte.“ [6] Die Geschichtswissenschaft geht heute sogar von einer deutlich höheren Opferzahl aus. Weitere 15.000 Insurgenten wurden unter Umgehung des richterlichen Urteils zur Deportation verdammt. Nach den Worten des deutschen Historikers Arthur Rosenberg war „der Aufstand der Pariser von Anfang an völlig hoffnungslos“. [7] Die Regierung und die hinter ihr stehende liberale Bourgeoisie hatten gezeigt, dass sie bereit sind, gegen rebellierende Proletarier mit aller Härte vorzugehen und dabei kein Blutvergießen zu scheuen.

Trotz des Terrors hielt die bürgerliche Regierung am Wahlrecht zunächst fest, schließlich war es als Ergebnis der großen Revolution zumindest den Männern in der französischen Verfassung vom 24. Juni 1793 garantiert worden. Unter Napoleon I. wurde es dann  aufgehoben, um im Februar 1848 erneut eingeführt zu werden. Marx beschrieb den „umfassenden Widerspruch“ der das allgemeine Wahlrecht darstellt: „Die Klassen, deren gesellschaftliche Sklaverei sie verewigen soll, Proletariat, Bauern, Kleinbürger, setzt sie durch das allgemeine Stimmrecht in den Besitz der politischen Macht. Und der Klasse, deren alte gesellschaftliche Macht sie sanktioniert, der Bourgeoisie, entzieht sie die politischen Garantien dieser Macht. Sie zwängt ihre politische Herrschaft in demokratische Bedingungen, die jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg verhelfen und die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft selbst in Frage stellen. Von den einen verlangt sie, dass sie von der politischen Emanzipation nicht zur sozialen fort-, von den anderen, dass sie von der sozialen Revolution nicht zur politischen zurückgehen.“ [8]

Am 4. November 1848 verabschiedete die französische Nationalversammlung eine neue Verfassung, die auch die Wahl eines Staatspräsidenten vorsah. Nach dem Willen der bürgerlichen Mehrheit sollte dieses Amt an Louis-Eugène Cavaignac gehen, dem berüchtigten Schlächter der Pariser Arbeiter vom Juni 1848. Es sollte aber anders kommen: Statt seiner siegte mit Louis Napoleon Bonaparte ein Außenseiter. Der Wahltag, „der 10. Dezember 1848 war der Tag der Bauerninsurrektion. (…) Napoleon war der einzige Mann, der die Interessen und die Phantasie der 1789 neugeschaffenen Bauernklasse erschöpfend vertreten hatte.“ [9] Jener Louis Napoleon Bonaparte war zwar der Neffe des großen Kaisers, aber ein im Vergleich zu ihm, laut Arthur Rosenberg, „völlig unbedeutender Mensch“. [10] Doch jener Louis-Napoleon siegte bei den Wahlen mit einem überwältigenden Ergebnis. Von den insgesamt siebeneinhalb Millionen abgegebenen Stimmen erhielt er allein fünfeinhalb. Lamartine, der Kandidat der Liberalen, ging mit nur 8.000 Stimmen leer aus: „Kleinbürgerschaft und Proletariat hatten en bloc für Napoleon gestimmt, um gegen Cavaignac zu stimmen (…) [11] Für den Kandidaten der aufständischen Pariser Arbeiter Raspail entschieden sich lediglich 36.000. Für Marx stellte diese Kandidatur denn auch nur „eine bloße Demonstration“ dar. Zugleich sah er in ihr, geschichtlich weitblickend, den ersten Akt, wodurch das Proletariat sich als selbständige politische Partei von der demokratischen Partei lossagte.“ [12]

Der Schrecken über die Juni-Insurrektion der Arbeiter und über den für sie unerwarteten Ausgang der Präsidentschaftswahlen im Dezember 1848 veranlassten die Bürgerlichen in der Nationalversammlung das gerade erst wieder gewährte Wahlrecht erneut einzuschränken: Im Mai 1850 wird es in einer Art parlamentarischen Staatsstreichs unter Führung der bürgerlichen Ordnungspartei all jenen genommen, die in den letzten drei Jahren ihren Wohnort gewechselt hatten. Betroffen davon waren vor allem Arbeiter, die aufgrund unsicherer Beschäftigungsverhältnisse gezwungen waren, ihren Wohnsitz häufig zu wechseln. Auf diese Weise wurden drei Millionen der seinerzeit in Frankreich lebenden neuneinhalb Millionen Männer vom Wahlrecht ausgeschlossen.

Louis Napoleon Bonaparte nutzte seine Popularität als ein von der breiten Mehrheit der Franzosen gewählter Präsident, um angesichts der Empörung über die neuerliche Einschränkung des Wahlrechts die ganze Macht an sich zu reißen. Der „Aspirant auf die Diktatur“ ließ „in der Nacht zum 2. Dezember 1851 die verdutzten Führer der Ordnungspartei aus dem Bett heraus verhaften. Er löste die Legislative auf und gab ausnahmslos allen Franzosen das Wahlrecht zurück. Selbstredend unterließ er nicht, worauf es ihm vor allem ankam: Er verlängerte sich sein Amt auf runde zehn Jahre.“ [13] Napoleon Bonaparte hatte dabei „von Anfang an das allgemeine Stimmrecht als persönlichen Trumpf ausgespielt.“ [14] Mit Hilfe der Armee ließ er jeglichen Widerstand gegen seine Diktatur brechen, auch den der bürgerlicher Politiker: „Nicht weniger als 26.000 Franzosen wurden gerichtlich belangt, mehr als 10.000 nach Übersee deportiert. Auf Proskriptionslisten standen die Namen vieler emigrierter Deputierter, so der von Victor Hugo. Aber auch missliebige Reaktionäre wie Thiers sahen sich ausgebootet.“ [15]

In seiner Schrift „Die Konstitution der Französischen Republik“ von 1851 beschrieb Karl Marx „das Spiel Napoleons“: Es geht „jetzt darauf hinaus, die Unzufriedenheit des Volkes zu schüren. Die Bourgeoisie ist der Feind Napoleons – das Volk weiß das, und es besteht zwischen ihnen ein Band der Sympathie.“ [16] Die Basis seiner Macht waren die Bauern. Bei ihnen handelte es sich um die Verlierer der stürmischen kapitalistischen Entwicklung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert. In der französischen Revolution hatten sie noch von der Auflösung des feudalen Großgrundbesitzes profitiert, und Kaiser Napoleon I. garantierte ihnen den neuerworbenen Landbesitz. Der aber bestand oft nur aus einer kleinen Parzelle, die zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig abwarf. Die Folge davon war eine schnell ansteigende Verschuldung von Millionen von Kleinbauern. Von Louis Napoleon Bonaparte erwarteten sie nun die Befreiung aus ihrem Elend: „Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, dass ein Mann namens Napoleon ihnen alle Herrschaft wiederbringen werde.“ [17]

Marx beschrieb die dahinterstehende geschichtliche Konstellation: „Bonaparte vertritt eine Klasse, und zwar die zahlreichste Klasse der französischen Gesellschaft, die Parzellenbauern. Wie die Bourbons die Dynastie des großen Grundeigentums, wie die Orléans die Dynastie des großen Geldes, so sind die Bonapartes die Dynastie der Bauern, d.h. der französischen Volksmasse. (…)“ [18] Doch die Bauern bildeten keine Klasse in dem Sinne, dass sie ihr Klasseninteresse selbständig vertraten. Wie heute die vergessenen Arbeiter in den USA ließen sie sich vertreten, hofften sie auf Befreiung von außen. Bonaparte befreite die Bauern aber nicht von ihrem Schicksal. Einer nach dem anderen wurde von Spekulanten und Wucherern „gelegt“, andere kapitulierten vor verheerenden Missernten. Über die Jahre zogen so Millionen ehemaliger Kleinlandwirte in die französischen Industriestädte und vergrößerten dort das mittellose Proletariat.

Über die Diktatur Napoleon Bonapartes heißt es: „Infolgedessen war das kaiserliche System durch weitestgehende Abschaffung der demokratischen Errungenschaften von 1848 gekennzeichnet. Die machtlose Gesetzliche Körperschaft, dieses Spottbild eines Parlaments, hatte die von der Exekutive vorgelegten Gesetze zu bejahen. Die Regierung aber befand sich völlig in der Hand Napoleons.“ [19] Zwar wurde am allgemeinen Wahlrecht für Männer festgehalten, aber es waren oft regierungsamtlich manipulierte Scheinwahlen. Ein liberaler Historiker schrieb darüber voller Spott: „'Die Wahlen dauerten zwei Tage; in ländlichen Wahlkreisen nahm der Maire (der Bürgermeister, A.W.) am Abend des ersten Tages die Urne mit zu sich nach Hause; ohne dass eine Überwachung stattfand. In Gegenden, wo die Bauern es noch nicht gewöhnt waren, zur Wahlurne zu kommen, saugte sich der Maire die Wahlergebnisse einfach aus den Fingern.'“ [20]

Friedrich Engels schrieb über die Regentschaft des 1852 zum neuen Kaiser der Franzosen ausgerufenen Neffen Napoleons I.: „Louis-Napoleon war jetzt der Abgott der europäischen Bourgeoisie. Nicht nur wegen seiner 'Gesellschaftsrettung' vom 2. Dezember 1851, wo er zwar die politische Herrschaft der Bourgeoisie vernichtet, aber nur um ihre soziale Herrschaft zu retten. Nicht nur weil er gezeigt, wie das allgemeine Stimmrecht unter günstigen Umständen in ein Instrument zur Unterdrückung der Massen verwandelbar sei; nicht nur weil unter seiner Herrschaft Industrie und Handel und namentlich Spekulation und Börsenschwindel einen nie gekannten Aufschwung genommen. Sondern vor allem, weil die Bourgeoisie in ihm den ersten 'großen Staatsmann' erkannte, der Fleisch von ihrem Fleisch, Bein von ihrem Bein war. Er war Emporkömmling, wie jeder echte Bourgeois auch.“ [21]

Und über die Gründe weshalb die bürgerliche Gesellschaft das Wahlrecht auch in Krisenzeiten nicht grundsätzlich in Frage stellen muss, schrieb Arthur Rosenberg: „Wenn die humane liberale Demokratie in ihr Gegenteil umschlug, in den weißen Terror und in die Säbelherrschaft, dann konnte das allgemeine Stimmrecht diese Wandlung überdauern. Durch Irreführung unaufgeklärter Massen und durch geschickte Ausnutzung vorübergehender Volksstimmungen konnte sich eine großkapitalistische oder militaristische Richtung auch unter dem allgemeinen Wahlrecht die Mehrheit verschaffen. Die herrschende Klasse hatte dann die Armee, die Polizei und die Justiz zur Verfügung, und sie konnte sich dann noch auf den Spruch der 'Demokratie' berufen.“ [22] Das Wahlrecht konnte unter solchen Bedingungen bestehen bleiben: „Wenn die Opposition nicht auftreten durfte und wenn die Verwaltungsbehörden, besonders auf dem Land und in der Kleinstadt, für richtige Wahlen sorgten, dann konnte auch die terroristische Gegenrevolution sich mit dem allgemeinen Wahlrecht abfinden. (…) So gab die Revolution von 1848/49 den wirklichen Demokraten und Sozialisten die Lehre, dass zwar die Selbstregierung des Volkes nach wie vor das allgemeine Stimmrecht voraussetzt, dass aber zugleich eine Karikatur des allgemeinen Stimmrechts auch mit brutalster Unterdrückung der Volksmassen vereinbar ist.“ [23] Domenico Losurdo ging noch einen Schritt weiter, wenn er das Wahlrecht sogar als unverzichtbar für die Praxis der Unterdrückung ansah: „Als nicht praktikabel oder ruinös stellt sich der Weg der ausdrücklichen De-Emanzipation dar, welche fordert, diejenigen erneut vom politischen Bürgerrecht auszuschließen, die Zugang zu ihm erhalten hatten.“ [24]

Das allgemeine Wahlrecht konnte in Frankreich nach dem bonapartistischen Putsch vom 2. Dezember 1851 überleben, da Louis-Napoleon die Welt der öffentlichen Meinung beherrschte. Sie war nach ihm „die Königin des Universums“: „Das Programm, das vom Staatsstreichpräsidenten verkündet wird, ist klar: Es handelt sich darum, ein politisches Regime zu errichten, das stark sein muss, dank der Tatsache, dass es populär ist.“ [25] Aber was ist, fragt Losurdo, für Louis-Napoleon „das Volk, dessen Unterstützung er gewinnen will? Sicher nicht jenes, das in Parteien oder Gewerkschaften autonom organisiert ist. Louis Napoleon stellt sich nicht dar als (hier zitiert Losurdo aus den Schriften Louis Napoleon, A.W.) 'Vertreter einer Partei', sondern als Interpret der Nation und ihrer besten Traditionen, als der, der 'im Interesse der Massen und nicht im Interesse einer Partei zu regieren' beabsichtigt.“ [26]

Als Kaiser Napoleon III. herrschte Louis-Napoleon bis zum 2. September 1870, bis zur Niederlage Frankreichs im Krieg mit Preußen und den mit ihm verbündeten deutschen Ländern. Er selbst geriet dabei in Kriegsgefangenschaft, eine Schmach ohnegleichen. Seine Herrschaft blieb eine Lehre, die seitdem als „Bonapartismus“, als eine Form bürgerlicher Herrschaft, bis heute bezeichnet wird. Und so haben die unterschiedlichsten marxistischen Theoretiker historische Phasen mal offener, mal verdeckter Diktatur an Hand des im 19. Jahrhundert in Frankreich entstandenen politischen Modells des Bonapartismus analysiert. Nach Canfora war dieser „Staatsstreich im Namen des allgemeinen Wahlrechts die Glanzleistung Louis Napoleon Bonarpartes.“ [27] Für Arthur Rosenberg „gab die Revolution von 1848/49 den wirklichen Demokraten und Sozialisten die Lehre, dass zwar die Selbstregierung des Volkes nach wie vor das allgemeine Stimmrecht voraussetzt, dass aber zugleich eine Karikatur des allgemeinen Stimmrechts auch mit brutalster Unterdrückung der Volksmassen vereinbar ist.“ [28] Und: “Wenn die humane liberale Demokratie in ihr Gegenteil umschlug, in den weißen Terror und in die Säbelherrschaft, dann konnte das allgemeine Stimmrecht diese Wandlung überdauern.“ [29]  

Der Bonapartismus in Großbritannien und Deutschland

Domenico Losurdo beschränkt das bonapartistische Herrschaftsmodells nicht allein auf eine bestimmte Phase der französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Er sieht in ihm vielmehr ein grundlegendes Muster bürgerlicher Herrschaftssicherung: „Der Bonapartismus, der so Gestalt annimmt, trägt aber eine lange Geschichte mit sich und wirkt in neuen Formen auch in der Gegenwart“. [30]

So ist es in Großbritannien Premierminister Benjamin Disraeli, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine ausgreifende imperialistische Politik des Landes mit der gleichzeitigen Ausweitung des Wahlrechts für Männer verbindet. Die Wähler, auch aus den unteren Schichten, konnten sich so als Bestandteil eines unbesiegbaren Empire fühlen.

In Deutschland praktiziert Otto von Bismarck einen bonapartistischen Regierungsstil. Nach Arthur Rosenberg war „das Bismarcksche Deutschland weder ein konstitutioneller Staat noch eine absolute Monarchie mit fester Tradition. Die Kräfte, auf denen das Reich beruhte, hatten keine organische Verbindung. (…) Der Ausgleich zwischen dem preußischen Militäradel und den übrigen im Reiche wirksamen Kräften lag ausschließlich in der Hand des Regenten. In diesem Sinn war das Reich Bismarcks eine bonapartistische Schöpfung, und sein Wohl und Wehe hing in weitem Umfang von der Person des Herrschers ab, mochte dies nun der regierende Kaiser oder ein regierender Reichskanzler sein.“ [31] Ab der Reichsgründung 1871 bis zu seiner Entlassung 1890 nahm Otto von Bismarck die Stelle des deutschen Bonaparte ein. In dieser Zeit wird 1878 auf Initiative seiner Regierung mit der Stimmenmehrheit der Konservativen und Nationalliberalen das Gesetz "Wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" verabschiedet: Zeitungen wurden verboten, langjährige Gefängnisstrafen und hunderte Verbannungen wegen des Vorwurfs der Aufrechterhaltung der Partei ausgesprochen. Und doch blieb in dieser Zeit das Wahlrecht bestehen – selbst Sozialdemokraten konnten so, wenn auch nur als unabhängige Kandidaten, gewählt werden. Bismarck und die hinter ihm stehenden Kreise waren sich nämlich sicher, dass die arbeitenden Massen mit Hilfe der deutschnationalen Ideologie und der imperialistischen Agitation in das neue Reich eingegliedert werden konnten. Dies war aber die klassische bonapartistische Konstellation, wie sie Rosenberg beschrieb: Härteste Repression bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Wahlrechts sowie ideologische Bindung der Volksmassen an das Regime durch ihre Identifikation mit imperialen Visionen. Hinzu traten unter Bismarck erste Sozialreformen zur Gewährleistung eines Mindestsicherung der Arbeiter bei Unfall, Invalidität, Altersarmut und Krankheit.

Und so verweist denn Losurdo auf die Gemeinsamkeiten von Louis Bonaparte, Disraeli und Bismarck: „Sie alle drei heben die liberale Bourgeoisie aus dem Sattel und wenden sich direkt an die Massen, denen sie in mehr oder weniger weitem Umfang das Wahlrecht gewähren und deren Unterstützung sie gewinnen oder zu gewinnen versuchen, indem sie Zugeständnisse auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Sozialpolitik machen. Zugleich schüren sie die nationale und chauvinistische Erregung und betreiben auf dieser Grundlage den Kult des charismatischen Oberhauptes, das als Interpret und unbestrittener leader der Nation über den Parteien steht.“ [32]

 

[1] Karl Marx, Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, in Marx-Engels-Werke (MEW), Band 8, Berlin 1960, S. 111-207

[2] Domenico Losurdo, Demokratie oder Bonapartismus. Triumph und Niedergang des allgemeinen Wahlrechts, Köln 2008, S. 10

[3] Domenico Losurdo, Demokratie oder Bonapartismus a.a.O., S. 13

[4] Vgl. hierzu die Darstellung der Ereignisse bei Arthur Rosenberg, Demokratie und Sozialismus. Zur politischen Geschichte der letzten 150 Jahre, Frankfurt am Main 1962, S. 69-90

[5] Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 7, Berlin 1960, S. 31

[6] Ebenda

[7] Arthur Rosenberg, Demokratie und Sozialismus, a.a.O., S. 89

[8] Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, a.a.O., S. 43

[9] Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, a.a.O., S. 44

[10] Arthur Rosenberg, Demokratie und Sozialismus, a.a.O., S. 90

[11] Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, a.a.O., S. 45

[12] Ebenda

[13] Heinz Köller/Bernhard Töpfer, Frankreich. Ein historischer Abriss, Berlin (DDR), 1976, S. 183

[14] Arthur Rosenberg, Demokratie und Sozialismus, a.a.O., S. 113 f.

[15] Ebenda

[16] Karl Marx, Die Konstitution der Französischen Republik, in: Marx-Engels-Werke (MEW) Band 7, Berlin 1960, S. 505

[17] Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, a.a.O., S.199

[18] Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, a.a.O., S. 198

[19] Heinz Köller/Bernhard Töpfer, Frankreich. Ein historischer Abriss, a.a.O., S. 190

[20] Ebenda

[21] Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 21, Berlin 1960, S. 413

[22] Arthur Rosenberg, Demokratie und Sozialismus, a.a.O., S. 113

[23] Ebenda

[24] Domenico Losurdo, Demokratie oder Bonapartismus, a.a.O., S. 70

[25] Ebenda

[26] Domenico Losurdo, Demokratie oder Bonapartismus, a.a.O., S. 71

[27] Luciano Canfora, Eine kurze Geschichte der Demokratie, Köln 2006, S. 127

[28] Arthur Rosenberg, Demokratie und Sozialismus, a.a.O., S. 114

[29] Ebenda

[30] Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, a.a.O., S. 128

[31] Arthur Rosenberg, Entstehung der Weimarer Republik, 15. unveränderte Auflage, Frankfurt am Main 1973, S. 38 f.

[32] Domenico Losurdo, Demokratie oder Bonapartismus, a.a.O., S. 89

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