Die Bedeutung der Nation

von

Der Marxismus Domenico Losurdos - Über den Zusammenhang seines Denkens (Teil 24)

Welche Rolle spielt die „nationale Frage“ in einer Strategie zur Überwindung des Kapitalismus? Die Antwort darauf gehört für jede revolutionäre Bewegung zu den schwierigsten. Und so hat es dazu in der Geschichte des Sozialismus immer wieder abrupte Positionswechsel gegeben. Oft wird die Frage schlicht negiert, etwa in der Parole „No Border – No Nation“, eine Position, die von anarchistischen bzw. libertären Kräften verbreitet wird, und die bis in kommunistische Kreise hineinwirkt. Klarheit über die Nation ist für die sozialistische Bewegung aber vor allem unter zwei Aspekten wichtig: Es geht um ihre Rolle beim Kampf um gesellschaftliche Veränderungen, und es geht um ihre Bedeutung in einer neuen, sozialistischen Gesellschaft.

Domenico Losurdo hat sich in seinen Büchern sowie in Artikeln immer wieder mit der der Bedeutung der Nation befasst. Er wies darauf hin, dass ihre Bedeutung in der Geschichte der marxistischen Theoriebildung immer wieder unterschätzt wurde. „Das Vergessen der nationalen Frage“ war denn auch einer der wichtigsten Gründe für die Niederlage des realen Sozialismus. In zwei Artikeln der Zeitschrift „Marxistische Blätter“ hat er 1997 [i] und im Jahr 2000 [ii] zur Bedeutung der Nation Stellung  genommen. In den Büchern „Der Klassenkampf. Oder die Wiederkehr des Verdrängten?“ [iii] und „Der westliche Marxismus“ [iv] hat er diese Aussagen wieder aufgenommen und vertieft.     

Marx und Engels und die nationale Frage

Karl Marx spricht im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie über die Bedingungen, die für grundlegende Umwälzungen Voraussetzung sind. Danach müsse „stets unterschieden“ werden „zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten“. [v] Die von Marx dargestellte Konstellation ist somit eine dreigliedrige: Produktivkräfte – Produktionsverhältnisse – gesellschaftliche Bewusstseinsformen.

Domenico Losurdo weist auf Widersprüche in der Haltung von Marx und Engels gegenüber der Nation hin: „Die Haltung bei Marx angesichts solcher Tradition, das mag überraschen, ist durchaus nicht frei von Schwankungen. Er stellt zwar mit feurigen Parolen die Schrecken der Kriege und der Kolonialherrschaft an den Pranger; die britischen Offiziere und Beamten maßen sich nicht nur zügellos 'Macht über Leben und Tod' an, sondern verüben auch Massaker und Sadismen an der einheimischen Bevölkerung zum 'bloßen Vergnügen' (MEW 12, S. 286).“ [vi]

Doch die Verurteilung der Kolonialherrschaft ist nicht durchgängig: „An anderer Stelle jedoch weisen Marx und Engels dem Kapitalismus das Verdienst zu, 'alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation' zu reißen (MEW 4, S. 466), und in Indien 'die größte und, um die Wahrheit zu sagen, einzige soziale Revolution hervor[gerufen zu haben], die Asien je gesehen' (MEW 9, S. 132). Der Bourgeoisie der Metropolen wird sogar die wahre und wirkliche 'Mission' nachgerühmt, den Weltmarkt zu schaffen (MEW 9, S. 221 und 29, S. 360). [vii]

Und: „Wenn das Kommunistische Manifest, (…) das unvermeidliche Aufkommen von Industrien beschwört, die keine nationale Basis mehr haben, unterstreicht es, dass 'deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird' (MEW 4, 466). Und ebenfalls das Manifest betont, dass 'das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse erheben, sich selbst als Nation konstituieren muss (MEW 4, 479). Demnach wird für eine mehr oder weniger lange historische Periode einem grundsätzlich einheitlichen Weltmarkt eine Pluralität von Nationalstaaten entsprechen. Das Proletariat muss als Protagonist der Revolution in einem bestimmten Land die Erhaltung der politischen Macht anstreben, ohne damit auf die Möglichkeit zur durch Weltmarktbeziehungen gewährleisteten Entwicklung der Produktivkräfte zu verzichten.“ [viii]

Doch in der sozialdemokratisch geprägten Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts war keineswegs ausgemacht, dass zur Pluralität der Nationen auch jene gehören, denen die Staatlichkeit vorenthalten  wurde. Das gilt etwa für manche Aussagen von Friedrich Engels, die Domenico Losurdo in seinem Artikel „Ethik contra Geschichtsphilosophie zitiert“ [ix]: „Ich denke dabei an die Theorie von den slawischen 'Natiönchen', die 'nie eine eigene Geschichte gehabt haben' und notwendig vom historischen Prozess verurteilt seien: sie könnten die 'Zivilisation' nur durch ein 'fremdes Joch' erreichen. Im Notfall, und d.h., wenn sie sich gegen die Revolution und die Demokratie auflehnen - wie es im Jahre 1849 geschah - müssten sie mit dem 'entschiedensten Terrorismus', ja sogar mit einem 'Vernichtungskampf und 'rücksichtslosem Terrorismus' bekämpft werden.“ [x]

den Engelsschen Text noch einmal lesen. Dieser beschäftigt sich nicht nur mit Mittel- oder Osteuropa. Ins Auge sticht die Verherrlichung der Eroberung Mexikos durch die USA, die ein paar Jahre vorher stattgefunden hatte: dank der «Tapferkeit der amerikanischen Freiwilligen» ist «das herrliche Kalifornien den faulen Mexikanern entrissen [worden], die nichts damit zu machen wußten»; die neuen gigantischen Eroberungen ausnutzend, geben die «energischen Yankees» der Produktion und der Zirkulation des Reichtums, dem «Welthandel» und der Verbreitung der «Zivilisation» neuen Impuls. Die Rolle der USA auf dem amerikanischen Kontinent scheint Engels in Mitteleuropa Deutschland zuschreiben zu wollen, während der Platz des lateinamerikanischen Landes von den geschichtslosen slawischen «Natiönchen» eingenommen zu werden scheint. Die rechtlichen oder moralischen Einwände werden ziemlich oberflächlich abgetan: gewiß sei gegen Mexiko eine Aggression entfesselt worden, eine Aggression jedoch, die eine «weltgeschichtliche Tatsache» von ungeheurer und positiver Reichweite darstelle.

Die Nation verschwindet nicht im Sozialismus

Aber wird eine künftige sozialistische Welt weiterhin aus Nationalstaaten bestehen? Und wenn ja, wie sollen sich diese Staaten zueinander verhalten? Dies sind keineswegs theoretische Fragen, die erst in ferner Zukunft zu beantworten sein werden. Während der 70 Jahre Realsozialismus standen sie bereits auf der Tagesordnung, und es existieren heute weiterhin Länder wie China, Vietnam und Kuba, die sich zumindest auf dem Weg zum Sozialismus sehen und ihr Verhältnis zueinander zu klären haben.

Nach Losurdo charakterisiert „ein Paradox die Geschichte der internationalen kommunistischen Bewegung. Ihre Herausbildung ist gekennzeichnet durch die Aufmerksamkeit, die der nationalen und kolonialen Frage gewidmet wurde, und durch scharfe Polemik gegenüber sozialchauvinistischen Positionen; ihnen wurde Verrat oder mangelnde Unterstützung der nationalen Befreiungsbewegungen vorgeworfen, die der Imperialismus letztlich in den seiner Herrschaft unterworfenen Ländern und Völkern hervorruft. In der Forderung nach Selbstbestimmung der unterdrückten Nationen sieht Lenin ein wesentliches Moment für den Kampf um Demokratie und seine Verallgemeinerung; auch für die 'Barbaren' müssten jene politischen Rechte gelten, welche die liberale Bourgeoisie und der Sozialchauvinismus den kapitalistischen Metropolen vorbehalten möchten. Nur auf dieser Grundlage ist es möglich, den Sieg der Oktoberrevolution zu verstehen. Die Bolschewiki erringen auch deshalb die Macht, weil sie als Fürsprecher des Rechts auf Loslösung der von der zaristischen Autokratie und Groß-Russland unterdrückten Nationen verstanden werden.“ [xi] Und so ist es Lenin, der „schon zu Beginn seiner Imperialismus-Analysen die Bedeutung der nationalen Frage auch außerhalb Europas und des Westens (unterstreicht): Die Freiheitsbewegung der Kolonialvölker ist Bestandteil des revolutionären Weltprozesses für Demokratie und Sozialismus.“ [xii]

Losurdo beschreibt die Fähigkeit der kommunistischen Bewegung, sich auf dieser theoretischen Grundlage aufbauend, sich „an die Spitze nationaler Befreiungsbewegungen zu setzen: das heroischste Beispiel dafür ist vielleicht der Lange Marsch der chinesischen Kommunisten, die Tausende von Kilometern unter dramatischen Bedingungen zurücklegen, um die japanischen Invasoren zu bekämpfen. Aber auch der 'Große Vaterländische Krieg' gegen die Hitlersche Wehrmacht (eingesetzt, um im Osten ein Kolonialimperium des Dritten Reiches zu errichten) gehört hier dazu; er macht es Stalin, zumindest für einige Zeit, möglich, jene Brüche und Risse zu flicken, die seine Terrorpolitik, die sich auch gegen die nationalen Minderheiten richtete, hinterlassen hat.“ [xiii]

Doch die erfolgreiche russische Revolution führt zunächst zu Illusionen über die Möglichkeit einer Weltrevolution: „An die Macht gekommen auf der Welle einer Revolution, die den entscheidenden Beitrag der vom zaristischen Imperium unterdrückten Nationalitäten erkennt, erlassen die Bolschewiki einen Aufruf an die 'Sklaven in den Kolonien' (die vom Westen unterdrückten Nationen), die Ketten, die ihnen von den kapitalistischen Großmächten angelegt wurden, zu sprengen und die Unabhängigkeit zu erkämpfen. So gesehen, sind sich die Bolschewiki der zentralen Bedeutung der nationalen Frage auch weiterhin sehr bewusst. Und doch, der massive konterrevolutionäre Einsatz der kapitalistischen Mächte einerseits und die anfängliche Ausweitung der Revolution andererseits schaffen eine Lage, in der staatliche und nationale Grenzen scheinbar jegliche Bedeutung verlieren. Im 'Manifest' des II. Weltkongresses wann heißt es: 'Die Sache Sowjetrusslands wurde von der Kommunistischen Internationale zu ihrer eigenen gemacht. Das internationale Proletariat wird das Schwert nicht niederlegen, solange Sowjetrussland nicht ein Glied in der Föderation der Räterepubliken der ganzen Welt bildet.' Das Subjekt des Kampfes ist hier ein einziges: Verschwunden sind die Grenzen zwischen Staat und Staat, Nation und Nation, und erst recht zwischen Partei und Partei.“ [xiv]

Losurdo sieht in dieser Entwicklung Parallelen zwischen der französischen und der russischen Revolution und erinnert an die Kriegszüge Napoleons, die als Verteidigungskriege gegen das ancien regime begannen und in der Unterjochung ganzer Völker endeten: „Die Theorie der Revolution, die im schwächsten Kettenglied des Imperialismus triumphiert — und folglich in einer Situation, die immer durch den Einzelfall und national bestimmt ist —, scheint vergessen. Die kommunistische Bewegung erfindet nicht die Theorie des Exports der Revolution, sie ererbt sie vielmehr. Das unmittelbarste und bezeichnendste Vorbild sind bestimmte Tendenzen im Verlauf der Französischen Revolution: als sich dort eine Dialektik entwickelte, die der im Gefolge des Oktobers entsprach.“ [xv]

Nach der russischen Revolution wähnte man sich im Überschwang der Begeisterung an der Schwelle einer völlig neuen menschlichen Gesellschaft, in der es nicht mehr länger die Familie, das Geld, den Unterschied von Stadt und Land, die Religion, die Eigenständigkeit der Kunst, das Verfassungsrecht und natürlich auch nicht die Nation geben sollte. An ihre Stelle sollte die „sozialistische Weltrepublik“ treten. Rosa Luxemburgs Geringschätzung der nationalen Frage ist bekannt. Doch auch der sonst so realistische Lenin lässt sich vom Utopismus einer Welträterepublik hinreißen. In seiner Schlussrede beim I. Kongresses der Kommunistischen Internationale (KI) am 6. März 1919 verkündet er: „Der Sieg der proletarischen Revolution in der ganzen Welt ist sicher. Die Gründung der Internationalen Räterepublik wird kommen.“ [xvi]

Domenico Losurdo erklärt diese Geringschätzung der Nation in der revolutionären Arbeiterbewegung aus den Erfahrungen des ersten Weltkriegs: „Der patriotische Fanatismus und die nationalen Hassgefühle, zum Teil ,spontan‘, zum Teil geschickt geschürt, haben zum Gemetzel des imperialistischen Krieges geführt. Es wird ein dringendes Erfordernis, ein ganz neues Kapitel der Geschichte anzufangen. Hier taucht in bestimmten Sektoren der kommunistischen Bewegung ein unrealistischer Internationalismus auf, der dahin tendiert, die verschiedenen nationalen Identitäten als bloßes Vorurteil abzutun.“ [xvii]

Lenin wird seine Sicht später korrigieren, etwa auf dem IV. Kongress der Kommunistischen Internationale wann, wo er angesichts der Stabilisierung des Kapitalismus in Europa vom notwendigen „Rückzug“ bzw. von einem „Rückzugsplan“ spricht und dies ausdrücklich auch auf die „westeuropäischen fortschrittlichen Länder“ bezieht. [xviii] Und doch lebt der Utopismus einer „sozialistischen Weltrepublik“ in der Kommunistischen Internationale bis zu ihrer Auflösung 1943 fort, in der das sowjetische Modell als einzig mögliche sozialistische Gesellschaftsform kanonisiert wird und damit zugleich nationale Unterschiede negiert werden. Hans-Heinz Holz - zusammen mit Domenico Losurdo Herausgeber der Zeitschrift „Topos. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie“ - schreibt über diese Zeit: „Der Mythos von der Sowjetunion als dem Vaterland aller Werktätigen entstand; der Internationalismus, der in dem Aufruf, 'Proletarier aller Länder, vereinigt euch!' intendiert ist, orientierte sich an einem Zentrum, von dem her die politische Praxis gesteuert und an dem die richtige Theorie gelehrt wurde. Die kommunistische Bewegung geriet in den Bann einer von romantischer Emotionalität getragenen Russophilie, die sich unter dem Eindruck des heldenhaften Kampfes der Sowjetunion gegen die hitlerdeutschen Invasionsarmeen und der ungeheuren Kriegsopfer, die dieses Land brachte, noch verstärkte.“ [xix]

Auch nach 1945 diente die beschworene „Einheit des revolutionären Weltprozesses“ der Durchsetzung einer auf die außenpolitischen Bedürfnisse der Sowjetunion abgestimmten Politik. Doch die neue Stärke einiger kommunistischer Parteien, die sie im antifaschistischen Widerstand ihrer Länder errungen hatten, veränderte die Situation: „Diskrepanzen zwischen den staatspolitischen Interessen der Sowjetunion und den Erfordernissen einer aus nationalen Besonderheiten entwickelten Parteistrategie in anderen Ländern konnten nun entstehen und ließen sich nicht einfach mehr durch das Primat der KPdSU aus der Welt schaffen.“ [xx] Es kam zu Spaltungen in der kommunistischen Weltbewegung: Erst scherte 1948 Jugoslawien aus, dann 1960 China. Schließlich lösten sich auch nichtregierende kommunistische Parteien aus dem Schatten Moskaus. Als erstes gelang dies der japanischen KP, gefolgt von der italienischen unter Führung Palmiro Togliattis. Es erwies sich letztlich als unmöglich, die Oktoberrevolution zu exportieren. Luciano Canfora spricht vom „Bankrott einer Ideologie“. [xxi] Am Schicksal des untergegangenen europäischen Sozialismus hat sich gezeigt, dass die Antwort auf die Frage nach der Nation von zentraler Bedeutung ist: Dabei begangene Einschätzungsfehler werden von der Geschichte grausam bestraft.

Die Nation neu gestalten

Antonio Gramsci geht bei seiner Analyse der Gründe für die Niederlage der Arbeiterbewegung in den entwickelten kapitalistischen Ländern nach 1918/19 vor der Situation aus, dass – anders als im unterentwickelten zaristischen Russland, wo den Bolschewiki in einem Überraschungsangriff, d.h. in einem „Bewegungskrieg“, der Sieg gelang – in den gefestigten Zivilgesellschaften des Westens der „Stellungskrieg“ dominiert. Gramsci spricht von der hier notwendigen schrittweisen Eroberung von Bastionen, die anschließend als Ausgangspositionen für weiteren Terraingewinn dienen können. Er beschreibt ein lange währendes Ringen, das schließlich in der Errichtung der gesellschaftlichen Hegemonie der Arbeiterbewegung mündet. Die Nation bildet den politischen und kulturellen Rahmen für dieses Ringen, denn die von Marx benannten „juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen“ existieren nun einmal nur als Elemente jeweils national organisierter Gesellschaften.

Losurdo beschreibt, wie Gramsci selbst angesichts des Ultranationalismus des italienischen Faschismus nicht von seiner festen Überzeugung abwich, dass die Nation eine Errungenschaft ist, zu dessen Verteidigung das Proletariat aufgerufen ist. Als vom faschistischen Regime Angeklagter erwiderte er: „Ich glaube (…), dass alle Militärdiktaturen früher oder später vom Krieg gestürzt werden. In diesem Fall scheint es mir offensichtlich, dass es dem Proletariat zusteht, die führende Klasse zu ersetzen, um die Leitung des Landes zu übernehmen und das Schicksal der Nation in die Hand zu nehmen. (…) Ihr werdet Italien zugrunde richten, und uns Kommunisten fällt die Aufgabe zu, es zu retten.“ [xxii]       

Hans-Heinz Holz, beschreibt die von Gramsci ausgearbeitete Strategie für das Vorgehen im Westen: „Die Herrschaft der Arbeiterklasse kann nicht in einem Frontalangriff als ,Diktatur des Proletariats‘ errichtet, durch die Diktatur des Proletariats gesichert und durch den darauf folgenden Aufbau der kulturellen Führungsrolle des Proletariats ausgestaltet werden; vielmehr geht es darum, schon unter den Bedingungen der noch ausgeübten Staatsmacht der Bourgeoisie eine neue Kultur der Arbeiterklasse aufzubauen, die die gesamte Nation durchdringt und so allmählich die Neuformierung des politischen Verhaltens und Wollens bewirkt. Will die Arbeiterklasse die Hegemonie erringen […], so muss sie die in der Defensivstellung des Bürgertums verkümmernde und zerfallende schöpferische kulturelle Energie mit ihren eigenen Leistungen ersetzen und sich zugleich die nationalen Traditionen aneignen, um die ganze Nation von sich aus zu integrieren. Der Stellungskrieg wird geführt auf dem Boden der nationalen Besonderheiten.“ [xxiii] Und an anderer Stelle heißt es bei Holz: „Die Arbeiterklasse muss im Stellungskrieg ihre Kultur entwickeln – als ihre eigene neue, die das kulturelle Erbe der Nation und der Menschheit aufnimmt und weiterführt. Die Kultur der Unterdrückten ist ein Teil der Nationalkultur, und sie enthält deren progressive, von der herrschenden Klasse nicht eingelöste Sinn-Entwürfe: Theoretische Konzepte, Werte, Lebensziele.“ [xxiv] Die Nation darf demnach weder, wie es die Anarchisten tun, negiert werden, noch darf sie als ein Bestandteil der alten, zu überwindenden Gesellschaft abgetan werden. Die Arbeiterbewegung muss sich vielmehr der in ihr enthaltenen fortschrittlichen Elemente annehmen, und sie muss in der Lage sein, die Nation neu zu gestalten.

Nationale Frage und westlicher Marxismus

Nach Domenico Losurdo muss „die Bilanz der nationalen Frage (…) auch den sogenannten 'westlichen' Marxismus mit berücksichtigen, der (mit der leuchtenden Ausnahme Gramscis) selten ihre Wichtigkeit begriffen hat. Es ist eine Tatsache: Während die UdSSR nach und nach ihre hegemonialen Tendenzen ausprägt, vergisst die marxistische Kultur, auch jene 'westliche', die Leninsche Lektion von der Bedeutung der nationalen Frage und ihrem Fortwirken auch nach der sozialistischen Revolution für eine ganze historische Periode: Es sind die Jahre, in denen sogar Lukacs und Bloch, in Umkehrung des zitierten Urteils von Lenin, sich manchmal geneigt zeigen, Napoleon als Protagonisten einer Art von Export der Revolution zu feiern und die antinapoleonischen nationalen Befreiungskriege zu verdammen. Aber es gibt noch Schlimmeres: Nicht selten hat der 'westliche' Marxismus von 'puristischen' Positionen aus, die Tatsache kritisiert, dass Togliatti es vermochte, die Resistenza auch als nationalen Befreiungskampf zu entwickeln, während dies doch ein bedeutendes Verdienst des Sekretärs der PCI ist. In den wilden Jahren der 'globalen Herausforderung' wird insbesondere der 1952 von Stalin an die kommunistischen Parteien Westeuropas gerichtete Appell verhöhnt und verspottet, 'das Banner der nationalen Unabhängigkeit und der nationalen Souveränität', das die Bourgeoisie über Bord geworfen hat, wiederaufzurichten und voranzutragen.  Statt auf den instrumentellen Charakter eines solchen Appells zu verweisen — stammt er doch von dem Manne, der jene Kommunisten als 'Titoisten' verurteilen und aufhängen ließ, die den Ländern Osteuropas ein Minimum an nationaler Souveränität sichern wollten —, haben nicht wenige 'westliche Marxisten' mit ihrem nationalen Nihilismus geprotzt.“ [xxv]

Das Unverständnis bzw. die Geringschätzung des antikolonialen und auf nationale Befreiung gerichteten Kampfes durchzieht die gesamte Geistesgeschichte des westlichen Marxismus. Domenico Losurdo weist dies in den Werken von mehr als einem Dutzend Philosophen, Schriftstellern und Politikern nach, von Hannah Arendt bis Slavoj Zižek. Und in seinem Buch über Gramsci schreibt er: „Die nationale Frage, die in der Frankfurter Schule keine Beachtung fand, spielte auch bei Lukács und Bloch keine besondere Rolle (…).“ [xxvi]  

Hannah Arendt, aber auch Herbert Marcuse, wirft Losurdo vor, vollkommen verkannt zu haben, dass es sich bei dem gigantischen militärischen Ringen zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion im Kern um nichts anderes als um den Kampf zwischen antikolonialer und nationaler Befreiung einerseits und imperialistischer bzw. kolonialer Versklavung andererseits ging, war es doch das erklärte Ziel Hitlers „für Deutschland ein Kolonialreich auf dem Kontinent errichten zu wollen“ [xxvii], das deutsche Indien. Er war es, „der den größten Kolonialkrieg der Geschichte“ entfesselte. [xxviii]

Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts schien es so, als habe der westliche Marxismus seine Lektion gelernt, indem er den antikolonialen und antiimperialistischen Befreiungsbewegungen endlich jenen Stellenwert einräumte, den sie verdienen. Es war die Zeit der Solidarität mit der Revolution in Kuba und mit dem Kampf der algerischen Nationalen Befreiungsfront. Vor allem aber war es das Moment der Verurteilung eines von den USA rücksichtslos geführten Krieges, mit dem sie die Herstellung der nationalen Einheit Vietnams unter sozialistischen Vorzeichen verhindern wollten. Auch die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel wurde in jenen Jahren zu einem Thema der westlichen Linken. Später kam die Unterstützung der Sandinisten in Nikaragua hinzu. In jener Zeit bekannte sich mit Herbert Marcuse sogar ein Vertreter der kritischen Theorie zum Antiimperialismus. Losurdo zitiert ihn mit den Worten: „'Der Krieg in Vietnam (hat) zum ersten Mal das Wesen der bestehenden Gesellschaft enthüllt' und das heißt 'die ihr innewohnende Notwendigkeit der Expansion und Aggression'“. [xxix]            

Doch die Liaison des westlichen Marxismus mit den sich real vollziehenden Kämpfen der Dritten Welt um ihre antikoloniale und nationale Befreiung hielt nur wenige Jahre. Nach den schließlich dort errungenen Siegen erlahmte im Westen das Interesse. Als sich diese Länder „den Mühen der Ebenen“ (Bertolt Brecht) gegenübersahen, sie daran gehen mussten, den ökonomischen Aufbau ihrer vom Krieg verwüsteten Länder in Angriff zu nehmen, zogen sich viele westliche Linke desinteressiert zurück. Nicht wenige von ihnen entwickelten sogar eine tiefe Feindseligkeit gegenüber den befreiten Ländern, entsprachen sie doch nicht mehr ihren hehren Idealen. Nach Losurdo wurde diese Entwicklung auch von der großen Mehrheit der Theoretiker des westlichen Marxismus „mit Argwohn betrachtet“: „Über die nationale (und koloniale) Frage begann sich in der Epoche des Imperialismus eine spürbare Unterscheidung zwischen westlichem und östlichem Marxismus abzuzeichnen.“ [xxx]

Mit Unverständnis reagierten diese „schönen Seelen“ darauf, dass dort nicht der Staat einfach „abstarb“ und jene von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest angekündigte „freie Assoziation“ der Produzenten an seine Stelle trat, sondern vielmehr ein starker und autoritärer Staat errichtet wurde, der dem westlichen Verständnis von Zivilgesellschaft und individueller Freiheit wenig Raum ließ. Doch das konnte nicht anders sein, waren doch nur so die antiimperialistischen Revolutionen zu sichern, kam es unter allen Umständen auf die Bewahrung politischer Stabilität an. Mit Befremden wurde zudem registriert, dass viele dieser Länder bei der Gleichstellung der Frauen und der Nichtdiskriminierung sexueller Minderheiten nicht den Standards einiger Länder des Westens entsprachen. Schon gar nicht waren die „schönen Seelen“ damit einverstanden, dass diese Staaten nicht ihren Idealen von einer klassenlosen Gesellschaft, errichtet auf gesellschaftlichem Eigentum an den Produktionsmitteln, entsprechen wollten, sondern auf marktwirtschaftliche, ja sogar staatskapitalistische Methoden zurückgriffen, um die ökonomische Entwicklung schneller voranzubringen. Erst China, dann Vietnam und schließlich auch Kuba schlugen diese Richtung ein. In den Augen nicht weniger westlicher Linker waren somit die antiimperialistischen Revolutionen am Ende vergeblich gewesen, hatten nichts Neues unter der Sonne hervorgebracht.

Losurdo ging scharf mit einer Linken ins Gericht, die die Losung der „Überwindung des Nationalstaats“ ausgibt, er bezeichnete sie auch als „imperiale Linke“: „Jeder Mensch mit einem Minimum an Sinn für Logik versteht, dass die Großmächte, indem sie sich das Recht anmaßen, die Souveränität anderer Staaten für überwunden zu erklären, sich selbst eine monströs erweiterte Souveränität zubilligen i n dem Sinne, dass sie jetzt in der Lage sind, nicht nur im eigenen Haus, sondern auch in dem anderer Gesetze zu diktieren. Diese radikale Ungleichheit zwischen den Nationen ist ein wesentliches Merkmal des Imperialismus, das heißt jenes politisch-sozialen Systems, für das 'die ungeheure Bedeutung der nationalen Frage' (Lenin Werke 21, 91f) kennzeichnend ist. Es ist ein System, das im Innern die Polarisierung von Reichtum und Armut, die Vertiefung des Abgrunds erlebt, der die im Überfluss schwelgende Minderheit von den Habenichtsen trennt; auf internationaler Ebene entspricht den imperialen Rechten der größten und reichsten Mächte die Erniedrigung und Unterdrückung jener Länder, die auch in Hinblick auf nationale Souveränität Habenichtse sind. Und die Ideologen der herrschenden Mächte verkünden, wie im Innern die Überwindung des Klassenkampfs und der Klassen selbst, so auf internationaler Ebene die 'Überwindung des Nationalstaats' und der nationalen Frage. Die subalternen und ausgebeuteten Klassen und die unterdrückten Völker und Länder werden damit aufgefordert, sich mit der bestehenden Ordnung zu identifizieren und ihre Hoffnung auf Emanzipation zu begraben.“ [xxxi]

Nach Losurdo steht die „Aufmerksamkeit für die nationalen Frage (…) ganz und gar nicht im Widerspruch zu internationalistischem Engagement: Die italienischen Kommunisten, die die Resistenza auch als nationalen Befreiungskrieg führten, hatten einige Jahre zuvor als Freiwillige zur Verteidigung Äthiopiens (trotz der Führung des Negus) gegen die Aggression des faschistischen Italiens gekämpft. Aber indem sie das taten, klagten die Kommunisten — weit entfernt davon, irgendeiner Form des nationalen Nihilismus zu huldigen — das Mussolini-Regime deshalb an, weil es mit eben seiner chauvinistischen Politik Italien in die Katastrophe des zweiten Weltkrieges führte. [xxxii]

„Ablehnung des nationalen Nihilismus“, das ist für Losurdo „in der Tat etwas völlig anderes, als sich dem gerechten und notwendigen Kampf gegen den abergläubischen Blut-und-Boden-Kult zu verweigern, gegen die ethnische Fragmentierung und das Stammeswesen, gegen alles, was die Grundlagen eines zivilen Zusammenlebens unterminiert und damit die Einmischung der großen imperialen Mächte begünstigt und die Lösung der nationalen Frage unmöglich macht. Die Beachtung dieser Frage hat nichts mit Rückfall in Provinzialismus zu tun oder mit mangelndem Bewusstsein darüber, dass die Nation keine ewige Naturgegebenheit ist, sondern sich historisch herausgebildet hat. Kurz, die Ablehnung des nationalen Nihilismus verlangt wirklich nicht die Abwendung vom internationalistischen Ideal einer vereinigten menschlichen Gemeinschaft, sie verlangt diese Vereinigung auf der Grundlage der Gleichberechtigung, der demokratischen Übereinstimmung, der Respektierung der Identität ihrer Komponenten. Ein solcher Internationalismus setzt allerdings die klare und radikale Ablehnung jenes 'Internationalismus' voraus, der die Geschichte des Kapitalismus und des Imperialismus kennzeichnet und der auch heute beansprucht, im Namen der Neuen Weltordnung Recht zu setzen. [xxxiii]

 

[i] Domenico Losurdo, Der Marxismus, die nationale Frage und die Geschichte des Sozialismus, in: Marxistische Blätter 2-97, S. 29-38

[ii] Domenico Losurdo, Überwindung des Nationalstaats? in: Marxistische Blätter 6-00, S. 75 - 80

[iii] Domenico Losurdo, Der Klassenkampf. Oder die Wiederkehr des Verdrängten? Köln 2016. In Italien erschien das Buch 2013 unter dem Titel „La lotta di classe – Una storia politica e filosofica“    

[iv] Domenico Losurdo, Der westliche Marxismus. Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte, Köln 2021. Auf Italienisch wurde es 2017 veröffentlicht. Der Titel lautet: Il marxismo occidentale. Come nacque, come mori, come può rinascere

[v] Karl Marx, Berlin, MEW 13, S. 9

[vi] Domenico Losurdo, Der Marxismus, die nationale Frage und die Geschichte des Sozialismus, a.a.O., S. 31

[vii] Ebenda

[viii] Domenico Losurdo, Überwindung des Nationalstaats? a.a.O. S. 79

[ix]  Domenico Losurdo, Ethik contra Geschichtsphilosophie, in: Geschichtsphilosophie und Ethik, Annalen der internationalen Gesellschaft für Dialektische Philosophie – Societas Hegeliana, Band 10, Domenico Losurdo (Hrsg.), Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 1998, S. 2

[x] Marx-Engels, 1955 Band 6, S. 273- 275 und S. 286

[xi] 29 f.

[xii] Domenico Losurdo, Der Marxismus, die nationale Frage und die Geschichte des Sozialismus, a.a.O., S. 31

[xiii] Domenico Losurdo, Der Marxismus, die nationale Frage und die Geschichte des Sozialismus, a.a.O., S.30

[xiv] Domenico Losurdo, Der Marxismus, die nationale Frage und die Geschichte des Sozialismus, a.a.O., S. 30

[xv] Ebenda

[xvi] Lenin, Werke Band 28, 1960, S. 490

[xvii] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, Essen 2009, S. 102

[xviii] Lenin, Werke Band 33, Berlin 1960, 406

[xix] Hans Heinz Holz, Strömungen und Tendenzen im Neomarxismus, München 1972, S. 12

[xx] Hans Heinz Holz, Strömungen und Tendenzen im Neomarxismus, a.a.O., S. 13

[xxi] Luciano Canfora, Die Freiheit exportieren. Vom Bankrott einer Ideologie, Köln 2008, S. 37

[xxii] Domenico Losurdo, Der Marxismus Antonio Gramscis. Von der Utopie zum 'kritischen Kommunismus', Hamburg 2000, S. 116

[xxiii] Hans Heinz Holz, Theorie als materielle Gewalt. Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie. Band 2, Berlin 2011, S. 131

[xxiv] Hans Heinz Holz, Theorie als materielle Gewalt. Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie, a.a.O., S. 69

[xxv] Domenico Losurdo, Der Marxismus, die nationale Frage und die Geschichte des Sozialismus, a.a.O., S. 36

[xxvi] Domenico Losurdo, Der Marxismus Antonio Gramscis. Von der Utopie zum 'kritischen Kommunismus', a.a.O., S. 117

[xxvii] Domenico Losurdo, Der westliche Marxismus. Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte, a.a.O., S. 57

[xxviii] Domenico Losurdo, Der westliche Marxismus. Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte, a.a.O., S. 160

[xxix] Domenico Losurdo, Der westliche Marxismus. Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte, a.a.O., S. 119

[xxx] Domenico Losurdo, Der westliche Marxismus. Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte, a.a.O., S. 59

[xxxi] Domenico Losurdo, Überwindung des Nationalstaats? a.a.O. S. 80

[xxxii] Domenico Losurdo, Der Marxismus, die nationale Frage und die Geschichte des Sozialismus, a.a.O., S. 37

[xxxiii] Ebenda

 

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