Stalin – eine schwarze Legende
von Andreas Wehr
Der Marxismus Domenico Losurdos - Über den Zusammenhang seines Denkens (Teil 19)
Wenn die Defizite, die schließlich zum Untergang Sowjetunion und den mit ihr verbündeten Ländern führten nach Domenico Losurdo vor allem im theoretischen und ideologischen Selbstverständnis dieser Gesellschaften zu suchen sind, so stellt sich die Frage nach deren Ursachen, und damit rückt ein geschichtlicher Abschnitt in den Mittelpunkt des Interesses, der allgemein als Stalinismus bezeichnet wird. Mehr noch: Das Handeln Josef Stalins selbst ist zu bewerten, schließlich war er vom 30. Dezember 1922 bis zu seinem Tod am 5. März 1953 Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und leitete damit mehr als 30 Jahre die Geschicke des Landes, was fast der Hälfte der Existenz der UdSSR überhaupt entspricht!
Will man also der Entwicklung und dem Niedergang der Sowjetunion auf den Grund gehen, so führt um die Bewertung Stalins und des Stalinismus kein Weg vorbei. Domenico Losurdo nahm deshalb seine bereits Anfang der 90er Jahre formulierten Gedanken über die Gründe der Niederlage des realen Sozialismus auf und veröffentlichte 2008 das Buch „Stalin. Storia e critica di una leggenda nera”. Auf Deutsch erschien es 2012 unter dem Titel „Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende“.
Doch war im Jahr 2008 über Stalin und den Stalinismus nicht längst alles gesagt und geschrieben worden und das Verdammungsurteil über ihn unwiderruflich gesprochen? Weshalb also wagte sich der italienische Philosoph und Historiker und anerkannte Hegel-Forscher sowie Autor einer allseits gewürdigten Nietzsche-Biographie an dieses Thema, mit dem er sich nur Streit einhandeln konnte? Und Streit über sein Stalin-Buch hat es dann in Italien und anderswo reichlich gegeben. So bezeichnete die italienische Tageszeitung „Corriere della Sera“ Losurdo als „Apologeten Stalins“. Vor allem die übrig gebliebenen europäischen kommunistischen Parteien waren es, die nicht mehr an das ungeliebte Erbe erinnert werden wollten. So erwähnte die französische Parteizeitung „l’Humanité“ die Herausgabe des Buches nur in einer kleinen Notiz. Ausgesprochen feindlich war die Aufnahme in der Partei des demokratischen Sozialismus (PDS). Die hatte bei ihrer Umbenennung von SED in PDS 1989 erklärt, „unwiederbringlich mit dem Erbe des Stalinismus“ brechen zu wollen. Damit war für sie die Auseinandersetzung mit Stalin ein für allemal beendet. Offener wurde das Buch hingegen im globalen Süden, und hier vor allem in Brasilien aufgenommen, wo es innerhalb kürzester Zeit mehrere Auflagen erlebte.
Im Unterschied zu den übrigen Büchern Losurdos, die fast alle im römischen Verlag „Laterza e figli“, dem wohl wichtigsten italienischen Verlag für Philosophie, Geschichte und Politik, erschienen, musste Losurdo wegen der Brisanz seiner Thesen über Stalin diesmal auf den kleinen linken italienischen Verlag „Carocci editore“ ausweichen. Für den stellte die Herausgabe des Buches aber einen Glücksgriff dar, denn dort ist es inzwischen in neunter Auflage erschienen, was beweist, dass sich – zumindest in Italien – eine an der historischen Wahrheit interessierte Öffentlichkeit nicht von den großen Medien vorschreiben lässt, was sie zu lesen hat.
Eine Antwort auf die Frage, weshalb man sich mit Stalin heute noch auseinandersetzen sollte, gab Luciano Canfora in seinem dem Buch von Losurdo angefügten Essay „Von Stalin zu Gorbatschow“: „Meiner Meinung nach ist es nicht gut, dass man heute noch darauf verzichtet, von Stalin bei klarem Verstand zu reden, wie man es inzwischen bei Robespierre oder anderen 'blutgierigen' Verfechtern der 'Revolution' tut. Man springt auf, statt pro und contra abzuwägen.“ [1]
Losurdo untersucht in seinem Stalin-Buch die Geschichte der Sowjetunion mit den von ihm in seinen früheren Büchern entwickelten Methoden. Sabine Kebir hat in einer Rezension des Buches darauf hingewiesen, dass der Autor „methodische Fragen der Regeln für das Geschichtsverständnis aufwirft, die für Historiker selbstverständlich sein sollten, es aber nicht sind. Ihre Verletzung hat erhebliche Auswirkungen auf die Vermittlung von Geschichte in Medien und Lehranstalten. Das Buch beschäftigt sich kritisch mit den Diskursen über Stalin – und zwar weniger mit den sowjetischen Lobpreisungen zu seinen Lebzeiten, als mit den Diskursen, die im Westen über ihn zirkulierten und mit denen, die seine Nachfolger nach dem XX. Parteitag produzierten.“ [2]
Losurdo fragt zunächst nach dem historischen Hintergrund der russischen Revolution und nach den internationalen Bedingungen ihrer Entwicklung. Anschließend geht er der Frage nach, ob es in der marxistischen Theorie nicht Elemente gibt, die die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaften negativ belastet haben. Schließlich nutzt er das Mittel der Komparatistik, des Vergleichs, um zu fragen, ob die westlichen liberalen Gesellschaften überhaupt das Recht haben, sich in der bekannten Weise über den gewesenen Sozialismus moralisch zu erheben.
Vielschichtiges Bild
Der Autor setzt sich hingegen nicht mit der heute so beliebten Frage nach der Persönlichkeit Stalins auseinander, da psychologische Deutungen für die Klärung historischer Zusammenhänge wenig geeignet sind. Auch beteiligt er sich nicht an der innerkommunistischen Debatte über die Auslegung des Marxismus-Leninismus, und er liefert keinen Beitrag zur Klärung der Frage, ob nun der 20. Parteitag der KPdSU 1956 eine 'revisionistische Wende' war oder nicht. [3] Es fällt ihm nicht ein, einen letztlich unfruchtbaren Streit um Auslegungen der Texte von Marx, Engels und Lenin zu führen. „Wohl aber zeigt er, wie 1956 endgültig die Schleusen geöffnet werden für eine Überflutung des Stalinbildes mit allen nur erdenkbaren Pejorativen. Am beliebtesten wird die Analogie: Stalin gleich Hitler. Die ist in gewissem Sinne auch komfortabel, denn sie bedient gleich mehrere Interessen. Mit ihr lasst sich Hitler entschärfen und Stalin verschärfen. Nun muss man nicht mehr auf Stalins historische Erfolge blicken, man kann vielmehr all das, was wir von Trotzki und Deutscher gehört haben, getrost ignorieren, denn irgendwie ist das ja Teufelswerk. Und wer da auch immer von exorbitanter Entwicklung spricht, den paralysieren wir mit nur zwei Worten. Und die lauten: „Aber Stalin“. Daran hat sich bis heute nichts verändert. Mit China und Mao geht man übrigens auch so um, selbst wenn das inzwischen nicht mehr ganz so einfach ist.“ [4]
Losurdo spricht lieber über die bis heute anhaltende Wirkung der Geheimrede Chrustschows auf dem 20. Parteitag am 24. Februar 1956: Für die Antikommunisten stellte sie die willkommene Gelegenheit dar, weiter „zwanglos sowohl über die Geschichte des zaristischen Russlands als auch über den Zweiten Dreißigjährigen Krieg hinwegzugehen, in dem die widersprüchliche und tragische Entwicklung Sowjetrusslands und der drei Stalinjahrzehnte anzusiedeln ist“. [5] Nach Losurdo nimmt bis heute „jeder der verschiedenen politisch-ideologischen Sektoren die Rede Chruschtschows zum Anlass, um die eigene Mythologie zu pflegen, ob es nun um die Reinheit des Westens oder um die Reinheit des Marxismus und des Bolschewismus ging. Der Stalinismus war der fürchterliche Bezugspunkt, der es jedem der Antagonisten möglich machte, sich selbst im Gegenzug in seiner unendlichen moralischen und intellektuellen Überlegenheit zu verherrlichen. (…) Ohne der objektiven Lage große Aufmerksamkeit zu widmen, leiteten sie bei ihrer Untersuchung des Terrors diesen von der Initiative einer einzelnen Persönlichkeit oder einer begrenzten Führungsschicht her, die entschlossen gewesen sei, ihre absolute Macht mit jedem Mittel durchzusetzen.“ [6] Domenico Losurdos Schluss daraus lautet: „Der radikale Kontrast zwischen den verschiedenen Stalinbildern sollte den Historiker dazu bringen, nicht eines davon zu verabsolutieren, sondern vielmehr alle zu problematisieren.“ [7] Davon handelt sein Buch „Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende“.
Luciano Canfora geht in seinem Essay ebenfalls nicht auf die ideologischen Debatten ein: „Mehr als fünfzig Jahre nach dem Tode Stalins werden heute die Beweggründe der Partei-Geschichtsschreibung unbedeutender für uns, während umgekehrt das historische Problem des Platzes, den Stalin und seine Nachfolger in der Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert einnehmen, in den Vordergrund tritt (...).“ [8]
Losurdo erinnert daran, dass Stalin anfangs international keineswegs als das Monster und der Egomane angesehen wurde, als der er uns heute in den Medien entgegentritt. In den zwanziger und dreißiger Jahren war für das kapitalistische Lager vielmehr Trotzki das Feindbild Nr. 1: „'Trotzki, alias Bronstein', d.h. der jüdische Bolschewik schlechthin, ist 1929 für Goebbels derjenige, 'der vielleicht die meisten Verbrechen auf dem Gewissen hat, die je ein Mensch auf sich lud'.“ [9] Ausgesprochen positiv fiel hingegen das westliche Urteil über Stalin im Zweiten Weltkrieg und unmittelbar danach aus. Die öffentliche Meinung stand damals ganz unter dem Eindruck der Siege, die die sowjetische Armee unter ihrem obersten Befehlshaber bei der Zerschlagung des Hitlerfaschismus errungen hatte. Der britische Premierminister Winston Churchill erklärte 1943 in Teheran, „dieser Mann gefällt mir“ und bezeichnete ihn als „würdigen Erben Peters des Großen“. [10] In einem Nachruf aus Stalin schreibt Isaac Deutscher am 6. März 1953 im Manchester Guardian: „Er hat Russland zur zweiten Industriemacht der Welt erhoben, und es hat sich nicht nur um die Frage bloß materiellen und organisatorischen Fortschritts gehandelt. Ein derartiges Ergebnis hätte man nicht ohne eine breit angelegte kulturelle Revolution erzielen können, in deren Verlauf man ein ganzes Land in die Schule geschickt hat, um ihm eine breite Bildung zu geben.“ [11]
„Angesichts der „verschiedenen Stalinbilder“ in der Geschichte weigert sich Losurdo, zwischen dem einen oder anderen zu wählen, er ruft vielmehr dazu auf, „nicht eines davon zu verabsolutieren, sondern vielmehr alle zu problematisieren“. [12]
Zur Beurteilung der Sowjetunion unter Stalin sei es nach Losurdo zufolge notwendig, „die geopolitische Kollokation und die Geschichte im Hintergrund aller Länder, die im Zweiten Dreißigjährigen Krieg (zwischen 1914 und 1945, A.W.) verwickelt sind“ zu betrachten. [13] Benannt werden drei Bürgerkriege, die den Terror nicht entschuldbar, aber erklärbar machen: „Im ersten prallt die Revolution mit der buntscheckigen Front ihrer Feinde zusammen, die von den kapitalistischen Mächten unterstützt werden, denen es darum geht, die bolschewistische Ansteckung mit allen Mitteln einzudämmen. Der zweite entwickelt sich von der Revolution von oben und von außen her, denn darin besteht praktisch, trotz einiger Anstöße von unten aus dem ländlichen Milieu, der Substanz nach die Kollektivierung der Landwirtschaft. Der dritte ist der, der die bolschewistische Führungsschicht erschüttert.“ [14]
Ursachenforschung
Über die Legitimation des ersten Bürgerkriegs gegen die weiße Konterrevolution, die von imperialistischen Staaten von außen unterstützt wird, dürfte es heute keinen Zweifel mehr geben. Cheforganisator der in diesem Kampf siegreichen Roten Armee war übrigens Trotzki. Zweifelhafter ist hingegen schon die Notwendigkeit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, zumal ihre brutale Durchsetzung zu unzähligen Opfern führte; zu einer „Bartholomäusnacht (...) mit ihren furchtbaren sozialen und menschlichen Opfern“. [15] Der österreichische Kommunist Hans Kalt war der Auffassung, dass „Stalin genau das getan hat, was er ein Jahr zuvor der trotzkistischen Opposition vorgeworfen hatte. Ideologisch hat die Opposition gesiegt.“ [16] Max Adler, der sozialdemokratische Theoretiker des Austromarxismus, verteidigte hingegen 1931 die Kollektivierung: „Der Klassenkampf zwischen Arbeitern und Bauern, oder richtiger gesagt zwischen dem Proletariat und den Kulaken, ließ sich nicht mehr vermeiden.“ [17] Bei der Bewertung der Zwangskollektivierung schließt sich Losurdo der heute vielfach vertretenen Position an, dass ohne sie die schnelle Industrialisierung Sowjetrusslands unmöglich gewesen wäre: „Es lohnt sich darauf hinzuweisen, dass die seinerzeit von Toynbee formulierte These, wonach der von Stalins UdSSR 'von 1928 bis 1941' verfolgte Weg Stalingrad möglich gemacht habe, heute von nicht wenigen Historikern und Forschern der Militärstrategie bestätigt wird.“ [18]
Am Umstrittensten und Kompliziertesten ist die Einordnung des „dritten Bürgerkriegs“, der „die bolschewistische Führungsschicht erschütterte“. Dieser innerhalb der Partei geführte Kampf „nahm die Grausamkeit eines Religionskrieges an“. (S. 114 f.) Der französische Kommunist Jean Elleinstein hat in seiner Stalinbiographie einen Eindruck davon gegeben, welch großen Verluste und tiefen Wunden die Bolschewiki dabei erlitten: „Von den 1966 Delegierten, die sich am 26. Januar 1934 zur Eröffnung des Kongresses (des XVII. Parteitags der KPdSU, A.W.) im Großen Saal des Kreml zusammengefunden hatten, (werden) im Laufe der folgenden Jahre 1.108 Personen auf Befehl Stalins hingerichtet; unter diesen Opfern fanden sich 98 von den 139 Mitgliedern, die am letzten Tag ins ZK gewählt worden waren.“ [19]
Vom furchtbaren Aderlass waren auch ausländische kommunistische Parteien betroffen, und hier vor allem die als trotzkistisch verdächtigte polnische Partei, die 1938 sogar aufgelöst wurde. Zahlreiche Mitglieder der KPD wurden exekutiert oder verschwanden in den Lagern, unter den vielen Hugo Eberlein, ehemals Sekretär des ZK der KPD. Besonders schrecklich war das Schicksal jener, die aus Nazideutschland fliehen konnten, nur um in der Zeit des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von den sowjetischen Behörden wieder den faschistischen Häschern übergeben zu werden. All dies ist unentschuldbar, und diese moralische Schuld unterstreicht Losurdo, indem er von „dem tragischsten Kapitel der Geschichte der Sowjetunion“, von „Terror“ und „blutigen Säuberungen, die in großem Umfang wüteten (…)“ spricht. [20]
Doch Historiker sind dazu verpflichtet, sich nicht mit der moralischen Verurteilung abzufinden, sie haben auch nach den Gründen, nach dem Warum zu fragen. Mit Blick auf die Säuberungen in der Roten Armee 1937 beschreibt Losurdo das Dilemma: „Die Zweifel bleiben, aber nur schwerlich kann man das Ganze mit dem üblichen deus ex machina erklären, dem macht- und blutdürstigen Diktator, der darauf brennt, sich nur mit Marionetten zu umgeben, die zum blinden und unbedingten Gehorsam bereit sind.“ [21]
Zumindest zwei Ursachen werden heute in der Geschichtsschreibung als objektive Gründe für den Terror genannt: Mit dem Fehlen jeder rechtsstaatlichen Tradition in Russland ist das Erbe von Willkür, Brutalität und Grausamkeit in einer insgesamt verrohten Gesellschaft verbunden, in der ein Menschenleben nur wenig zählt. Hieran knüpfen die Bolschewiki – wenn auch eher unbewusst – an. Hinzu kommt die nicht nachlassende imperialistische Bedrohung von außen. Die Eskalation des Terrors Ende der 30er Jahre fällt denn auch nicht zufällig in eine Periode erneuter akuter außenpolitischer Gefahr: In Deutschland sind die Faschisten an der Macht, deren Führer die Vernichtung der Sowjetunion zu seinem wichtigsten Ziel erklärt. Im Fernen Osten stehen die japanischen Imperialisten zum Angriff bereit.
Von diesen objektiven Ursachen geht Losurdo aus. Doch darüber hinaus weist er nach, dass sich die Staatsmacht in der Auseinandersetzung mit der trotzkistischen Opposition tatsächlich in einem Bürgerkrieg befand. Und dieser Bürgerkrieg wurde auch von der schließlich unterlegenen Opposition mit allen Mitteln geführt, wozu Sabotage, Mordanschläge und der offen proklamierte Aufruf zum Sturz Stalins gehörten. Zum Beweis führt Losurdo zwei Bücher des überzeugten Anhängers Trotzkis Wadim S. Rogowin an, der unter Nutzung inzwischen geöffneter Moskauer Archive zu dem Schluss kommt: „'In Wirklichkeit waren die Moskauer Prozesse kein grundloses kaltblütiges Verbrechen, sondern der Gegenschlag in einem zugespitzten politischen Kampf.'“ [22] Das letzte Wort über die Hintergründe der Prozesse ist sicherlich auch damit noch nicht gesprochen. Folgerichtig weist Losurdo in seinem Buch darauf hin, dass hier weitere Forschungen notwendig sind.
Politische Weichenstellungen
Der „dritte Bürgerkrieg“ verknüpfte sich in einigen Fällen mit der Bedrohung von außen und vergrößerte so die Panik im Kreml, etwa bei der angeblichen Verschwörung von Marschall Tuchatschewski und weiterer Generäle gegen Stalin, bei der – wie man heute weiß – der deutsche Geheimdienst seine Hände im Spiel hatte. Ihm war es gelungen, Tuchatschewski kompromittierende Papiere bis in die höchste Spitze der Sowjetmacht gelangen zu lassen. Auch die faschistische Auslandspropaganda versuchte, die innersowjetischen Konflikte für sich zu nutzen: „Im April 1938 notiert Goebbels in sein Tagebuch: 'Unser Geheimsender von Ostpreußen nach Russland erregt großes Aufsehen. Er arbeitet im Namen Trotzkis und macht Stalin zu schaffen.'“ [23] Wenig erfährt man in dem Stalin-Buch hingegen über den Terror gegen die sogenannte rechte Opposition. So bleiben die Hintergründe der Exekution des marxistischen Wirtschaftswissenschaftlers und Philosophen Nikolai Bucharin im Dunkeln.
Mit den üblichen Erklärungsmustern für das Stalinsche Regime wie „Verrat“, „Entartung“ bzw. „bürokratische Deformation“ kann Losurdo wenig anfangen, da diese moralischen Urteile nichts erklären. Er fragt vielmehr nach den zentralen Mängeln im sozialistischen Denken, die für diese tragische Entwicklung mitverantwortlich waren. Er geht damit weit über jene Kritiker hinaus, die Stalin nur der Abweichung von der Politik Lenins bezichtigen. Um es direkter zu sagen: Für Losurdo gehören einige Aussagen der Klassiker des Marxismus-Leninismus selbst zum Problem.
So stellte sich gleich zu Beginn der Sowjetunion die Frage, wie „nach dem Dahinschwinden der Perspektive einer baldigen Errichtung der 'internationalen Räterepublik' mit der entsprechenden Auflösung der staatlichen und nationalen Grenzen“ [24] überhaupt eine Außenpolitik der UdSSR zu machen sei, gingen doch die Marxisten immer wie selbstverständlich davon aus, dass der Sieg des Sozialismus in einem Land nur der Auftakt zur Weltrevolution sein könne. Vor allem Trotzki polemisiert gegen „das Vergessen des Prinzips, demzufolge der einzelne Arbeiterstaat nur als 'Brückenkopf der Weltrevolution' fungieren kann.“ [25] Losurdo teilt hingegen die realistische Sicht von der Unmöglichkeit des Exports der Revolution. Luciano Canfora schreibt in seinem Essay: „Trotzki hegte die Illusion, Valmy zu wiederholen und aller Welt die Ausbreitung des revolutionären Brandes wie zu Zeiten Dumouriez’ und des siegreichen Frankreichs gegen die Koalitionen zu verkünden. Lenin und Stalin, in vieler Hinsicht unterschiedlich, doch diesbezüglich einig, schätzten die Kräfteverhältnisse realistisch ein und folgten der Richtschnur, die 1939 angesichts der erneuten Kriegsgefahr wieder auftaucht: 'Sollen die Imperialisten sich nur untereinander massakrieren, wir halten uns heraus und werden stärker.'“ [26] Auch Antonio Gramsci hatte in dem Export der Revolution nur eine Ausbreitung eines „anachronistischen und widernatürlichen 'Napoleonismus'“ [27] sehen können.
Anbruch der Autokratie
Als Ballast für die Entwicklung der jungen UdSSR sollte sich auch die Annahme eines schnellen „Absterben des Staates“ erweisen, die Bestandteil marxistischen Denkens ist und von Lenin am Vorabend der Oktoberrevolution in seinem Werk „Staat und Revolution“ noch einmal zugespitzt wurde. Die 1936 verabschiedete Verfassung der Sowjetunion stellt nach Losurdo „deshalb eine Wende dar, weil sie mit den Anarchovorstellungen bricht, die hartnäckig am Ideal vom Absterben des Staates festhalten und für die 'das Recht Opium für das Volk' und 'die Idee der Verfassung eine bürgerliche Idee ist'“. [28] Diese Verfassung blieb aber weitgehend Papier und erlangte in der Realität kaum eine Bedeutung.
So kommt Losurdo zu dem Resümee: „Für die drei Jahrzehnte der Geschichte Sowjetrusslands unter der Führung Stalins ist der grundlegende Aspekt nicht die Mündung der Parteidiktatur in die Autokratie, sondern der wiederholte Versuch, vom Ausnahmezustand zu einer Situation relativer Normalität überzugehen; diese Versuche scheiterten sowohl aus inneren (die abstrakte Utopie und der Messianismus, die es verhinderten, sich mit den erzielten Resultaten zu identifizieren) als auch aus internationalen Gründen (die permanente Bedrohung, die auf dem aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Land lastete) bzw. aus der Verflechtung beider.“ [29] So kommt es zur Herausbildung einer festgefügten Autokratie: „Mit dem Aufflammen des dritten Bürgerkriegs (innerhalb der bolschewistischen Reihen) und während sich gleichzeitig der Zweite Weltkrieg (in Asien noch vor Europa) nähert, läuft dieses mehrfache Scheitern auf den Anbruch der Autokratie hinaus, die ein Führer ausübt, der Gegenstand eines wahren Kults wird.“ [30]
Nach Dieter Kraft „könnte eigentlich noch umfassender sagen: Es gab für die Sowjetunion in ihrer gesamten Geschichte überhaupt keinen Zeitpunkt, an dem sie sich nicht in einem Ausnahmezustand befunden hätte. Auch der Kalte Krieg war tatsächlich ein Krieg. Und in einem Krieg herrscht immer auf die eine oder andere Weise Ausnahmezustand. Eine außergewöhnliche Situation, die auch in einen außergewöhnlichen Wahnsinn führen kann, auch zu einem politischen Wahnsinn. Das, was heute der „große Terror“ genannt wird, das war ganz gewiss nicht frei von diesem Wahnsinn.“ [31]
Gegen Totalitarismusdoktrin
Losurdo wendet sich scharf gegen den in Mode gekommenen Vergleich von Hitler und Stalin, gegen den „Mythos der Zwillingsmonster“, zu dem man aber nur gelangen kann, wenn „der eine wie der andere von den jeweiligen historischen Kontexten und politischen Plänen abstrahierend beschrieben wird“. [32] So absurd wie die Gleichsetzung von Rot und Braun ist auch die Behauptung, Stalin sei Antisemit bzw. die gesamte Sowjetunion sei antisemitisch eingestellt gewesen. Eine solche Tatsachenverdrehung ist bestens dafür geeignet zu verdecken, dass „die Tragödie des jüdischen Volkes im 20. Jahrhundert in ihrem ganzen Ablauf unter aktiver Beteiligung einerseits des liberalen Westens und andererseits des vorrevolutionären und konterrevolutionären Russlands“ stattfand. [33] Tatsächlich machte erst der Rote Oktober in Russland Schluss mit den regelmäßigen Pogromen gegen Juden. Unter den Revolutionären befanden sich zahlreiche Juden, viele Partei- und Staatsfunktionen wurden von ihnen besetzt. 1937 stellten sie sogar „in der Regierung die Mehrheit“. [34] Nicht von ungefähr ging es für die Faschisten bei dem Angriff auf die UdSSR vor allem „darum, ein für alle Mal 'das Judenregime in Russland', die 'Zentrale der jüdisch-bolschewistischen Weltbeglücker' zu vernichten“. [35] Es ist eine Tatsache, dass von der Roten Armee so viele Juden wie von keiner anderen Armee gerettet wurden. Diese Tatsache findet auch die ausdrückliche Anerkennung durch Hannah Arendt. Losurdo erinnert darüber hinaus daran, dass sich unter den engen Verwandten Stalins Juden befanden und die Sowjetunion zu den ersten Staaten gehörte, die unter seiner Führung Israel anerkannte. Zum Zerwürfnis kam es, als Israel sich bald ganz dem Westen zuwendete: „Der Bruch mit dem jüdischen Staat ist auch der frontale Zusammenstoß mit den im sozialistischen Lager noch recht aktiven zionistischen Kreisen, die jetzt erbarmungslos unterdrückt werden. In der Tschechoslowakei wird Slánský zum Tode verurteilt, der nach dem Zeugnis seiner Tochter 'die Auswanderung nach Israel förderte'.“ [36]
Allumfassende Komparatistik
Mit Hilfe der Komparatistik beantwortet Losurdo die Frage, inwieweit die westlichen liberalen Gesellschaften zur moralischen Verurteilung der Sowjetunion unter Stalin berechtigt sind. Während in der heutigen Welt der gewesene Sozialismus dämonisiert wird, findet heute geradezu eine Hagiographie, eine Heiligenbeschreibung, des liberalen Westens statt. Der Autor erinnert dagegen an die lange Blutspur des Kolonialismus, an die grausame Unterdrückung von Freiheitsbewegungen in Irland, Indien, Algerien, in Schwarzafrika, an die Vernichtung der Indianer, an die Unterdrückung der Ureinwohner Kanadas und Australiens. Auch neuere Verbrechen westlicher Staaten nimmt er ins Visier: Die rücksichtslose Kriegführung der USA in Korea, Vietnam, Kambodscha und Laos, die militärisch sinnlosen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sowie die Flächenbombardements deutscher Städte in den letzten Kriegstagen. Losurdo erinnert an zahlreiche Verbrechen, die mit Billigung westlicher Staaten geschahen, etwa an den Terror in Guatemala und an das Abschlachten von Hunderttausenden als Kommunisten Verdächtigte in Indonesien. In der westlichen Geschichtsschreibung werden all diese Taten zwar bedauert, zu ihrer Erklärung aber meist auf objektive Umstände, auf Notstände und Ausnahmesituationen verwiesen, Begründungen, die man für die Sowjetunion Stalins hingegen in keinem Fall gelten lässt: „Doch ein Kriterium nur für sich und die eigene Seite zu beanspruchen, ist gerade die Definition für Dogmatismus auf theoretischer und Heuchelei auf moralischer Ebene.“ [37]
Nach Kebir ist „es ist kein Zufall, dass aus Italien, wo es eine starke Hegel-Tradition gibt, vom dortigen führenden Hegelianer Losurdo der Appell ausgeht, an die verschiedenen Gesellschaftsformen und Persönlichkeiten in Geschichte und Gegenwart die gleichen Maßstäbe der Beurteilung anzulegen.“ [38]
[1] Luciano Canfora, Von Stalin zu Gorbatschow: Wie ein Imperium zu Ende geht, in: Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, Köln 2012, S. 408
[2] Sabine Kebir, Genie, Halbgott oder Monster? Domenico Losurdo versucht, die Legenden um Stalin zu entzaubern, in: Freitag vom 4. 10. 2012
[3] Vgl. zum Streit darüber: Die Legende von der revisionistischen Wende, in: Marxistisches Forum, Heft 56, Leipzig, Juni 2008
[4] Dieter Kraft, Stalin-eine schwarze Legende, Vortrag auf der Gedenkveranstaltung des Marx-Engels-Zentrums (MEZ) am 24.11.2018: „Domenico Losurdo – Was wir von ihm lernen können“, in: Constanze und Dieter Kraft, Einsichten und Widersprüche. Texte aus drei überwältigten Jahrzehnten, Kassel 2020, S. 339
[5] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 17
[6] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S.17 f.
[7] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 19
[8] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 416
[9] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 295
[10] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 9
[11] Ebenda
[12] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 19
[13] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 27
[14] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 114
[15]Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 163
[16] Hans Kalt, In Stalins langem Schatten, Köln 2010, S. 57
[17] Max Adler, Unsere Stellung zu Sowjetrussland, Berlin 1931, S. 168
[18] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 328
[19] Jean Elleinstein, Geschichte des „Stalinismus“, Berlin 1977, S. 99
[20] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 52
[21] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 113
[22] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 100
[23] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 106
[24] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 62
[25] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 63
[26] Luciano Canfora, Von Stalin zu Gorbatschow: Wie ein Imperium zu Ende geht, in: Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, Köln 2012, S. 418
[27] Antonio Gramsci, Gefängnishefte, Band 7, Hamburg 1996, S. 1693
[28] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 80
[29] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 169 f.
[30] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 170
[31] Dieter Kraft, Stalin – eine schwarze Legende, a.a.O., S. 348
[32] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 221
[33] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 256
[34] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 279
[35] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 269
[36] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 283
[37] Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, a.a.O., S. 327
[38] Sabine Kebir, Genie, Halbgott oder Monster? a.a.O.