Über China, den Imperialismus und die Linken

von

Der Marxismus Domenico Losurdos - Über den Zusammenhang seines Denkens (Teil 21)

Die Volksrepublik China, ihre Entstehung „auf der Woge eines nationalen Befreiungskampfs von epischem Ausmaß“ [i], ihre mit scharfen Wendungen und Widersprüchen versehene Entwicklung und ihr heutiges Potential als eine den USA bereits in vielen Bereichen ebenbürtige Macht, hat Domenico Losurdo immer wieder aufs Neue fasziniert und zu Studien und Analysen angeregt. Bei seinem Bestreben den Linken im Westen ihr mit dem Zusammenbruch des europäischen Sozialismus abhanden gekommenes Selbstbewusstsein zurückzugeben, verwies er immer wieder auf das erfolgreiche chinesische Beispiel. Auch deshalb lehnte er es stets ab, von einem Scheitern des historischen Wegs der Emanzipation zu sprechen, der seinen Ausgang im Roten Oktober genommen hatte.

Losurdo verurteilte den Imperialismus und den Neokolonialismus wegen der nicht nachlassenden Angriffe auf das fernöstliche Land. In seinem Buch „Wenn die Linke fehlt…, Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg“ heißt es: „Gegen die Volksrepublik China ist eine Art demokratischer Kreuzzug lanciert worden (…).“ [ii] Vor allem von US-amerikanischer Seite aber auch von den Staaten der Europäischen Union wird China einer Vielzahl von Vergehen beschuldigt: „Repression, Autoritarismus, Totalitarismus, Staatswirtschaft, mangelnder Respekt vor dem Individuum und der individuellen Kreativität, Dumping, Merkantilismus, unfaire Konkurrenz, Diebstahl des Arbeitsplatzes anderer.“ [iii] Und diese Liste der Vorwürfe lässt sich leicht verlängern: Angeklagt wird China wegen der Unterdrückung nationaler Minderheiten, vor allem der Tibeter und der Uiguren in Xinjiang. Verurteilt wird die Unterdrückung einer angeblichen „Demokratiebewegung“ in Hong Kong – jener Stadt, die seit 1997 zur Volksrepublik gehört. Vorgeworfen wird Peking zudem, eine Politik der ungehemmten militärischen Aufrüstung zu betreiben, mit der das Land seine Fähigkeit unter Beweis stellt, die militärische Supermacht USA herauszufordern. Damit stellt es das „Dogma der von der Vorhersehung bestimmten moralischen Mission, mit der das auserwählte US-amerikanische Volk betraut ist“ [iv] in Frage.

Losurdo verteidigte das „gekreuzigte Chinas“ [v] nicht nur in Bücher und Artikeln. Als in westlichen Medien die Forderung erhoben wurde, die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking zu boykottieren, da die Volksrepublik nichts willens sei ihre Tibet-Politik zu ändern, initiierte er einen internationalen Aufruf zur Verteidigung des Landes unter der Überschrift „Olympia für Hunde und Chinesen verboten“. Bezug nahm er auf ein Schild, das am Ende des 19. Jahrhunderts an einem Eingang zu den westlichen Konzessionsgebieten in Schanghai angebracht war: „Eintritt verboten für Hunde und Chinesen“. Im Aufruf hieß es: „Dieses Schild ist nicht verschwunden, sondern hat nur ein paar Varianten erfahren, wie die Kampagne beweist, die sich vornimmt, die Olympischen Spiele in Peking zu sabotieren oder irgendwie abzuqualifizieren: 'Olympia für Hunde und Chinesen verboten'. Der heutige antichinesische Kreuzzug steht voll und ganz im Einklang mit einer langen und infamen imperialistischen und rassistischen Tradition.“ [vi]  

2017 hatte Domenico Losurdo damit begonnen, seine Sicht auf China und auf die Bedeutung des Landes für die Zukunft des Sozialismus in einem Buch niederzulegen. Die schließlich todbringende Krankheit zwang ihn, das Projekt abzubrechen. Als wichtige Vorarbeit für das geplante Buch kann die 1999 in Italien erschienene Schrift „La sinistra, la China e'imperialismo“ angesehen werden. Auf Deutsch wurde sie im Jahr 2000 unter dem Titel „Die Linke, China und der Imperialismus“ [vii] herausgegeben. Zu den Vorarbeiten zählt auch die ebenfalls 2000 erschienene Broschüre „Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass“. Es handelt sich dabei um die Übersetzung der 1999 in Italien erschienenen Schrift „Fuga dalla storia? Il movimento comunista tra autocritica e autofobia“. Diese Broschüre wurde 2005 unter dem gleich gebliebenen Titel „Fugga dalla storia?“ (Flucht aus der Geschichte?), nun aber mit der neuen Unterüberschrift „La revoluzione russa e la rivoluzione cinesi oggi“ (Die russische und die chinesische Revolution heute). Bei der Darstellung der Sicht Losurdos auf China soll im Folgenden vor allem auf diese Schriften Bezug genommen werden. Herangezogen werden aber auch zahlreiche weitere Artikel und Bücher, in denen er sich mit dem Land beschäftigte, etwa das Buch „La non-violenza. Una storia fuori dal mito“ aus dem Jahr 2010, das 2015 unter dem Titel „Gewaltlosigkeit – Eine Gegengeschichte“ [viii] auf Deutsch erschien. Darin setzte er sich unter anderem mit Philosophie und Politik des Dalai Lama auseinander, die im Westen immer wieder dafür dient, die Zerstückelung Chinas durch die Abspaltung eines unabhängigen Tibets zu propagieren.

Losurdo hat sich in seinen Büchern immer wieder mit der Entwicklung Chinas befasst. Zu nennen sind das 2013 erschienene Buch „La lotta di classe – Una storia politica e filosofica“, es wurde in Deutschland 2016 unter dem Titel „Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten? Eine politische und philosophische Geschichte“ veröffentlicht. Dazu gehört auch das Buch „La sinistra assente – Crisi, societá della spettacolo, guerra“, von 2014, auf Deutsch: „Wenn die Linke fehlt…Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg“ – erschienen 2017. Schließlich „Il marxismo occidentale. Come naque, come mori, come può rinascere“ von 2017, (Deutsch: „Der westliche Marxismus – Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte“ – veröffentlicht 2021). Darin geht Losurdo am Schluss auf den chinesischen Marxismus ein, den die Führung des Landes entsprechend den eigenen Bedürfnissen weiter entwickelt hat: „Schon mit Mao hat die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) die 'Sinifizierung des Marxismus' gefördert, um daraus Auftrieb für den Kampf um die Befreiung von der Kolonialherrschaft zu erhalten, für eine Entwicklung der Produktivkräfte, die es möglich machen würde, die Unabhängigkeit auch auf ökonomischer und technologischer Ebene zu erreichen, für die 'Verjüngung' einer Nation von tausendjähriger Kultur, die seit den Opiumkriegen vom Kolonialismus und Imperialismus einem 'Jahrhundert der Erniedrigung' unterworfen worden war. Weit davon entfernt, sie zu verleugnen, wurde die sozialistische und kommunistische Perspektive von den Führern der chinesischen Volksrepublik stolz verkündet: Sie wird jedoch aller messianischen Dimension beraubt; zudem wird ihre Verwirklichung einem sehr langen historischen Prozess überlassen, in dessen Verlauf die gesellschaftliche Emanzipation nicht von der nationalen Emanzipation getrennt werden kann.“ [ix]

Die chinesische Revolution

Für Losurdo stand stets eine Frage im Mittelpunkt seines Nachdenkens über China: Wie können die sozialistischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts in Russland, China, Korea, Vietnam und Kuba verstanden werden? In seinem Buch „Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute“ heißt es: „Der Marxismus-Leninismus ist die nach langer Suche endlich gefundene Wahrheit der ideologischen Waffe, die in der Lage ist, den Sieg der nationalen Revolution in China zu gewährleisten und das Land dahin zu bringen, die halbfeudalen und halbkolonialen Verhältnisse zu überwinden. Diese Suche hatte schon mit den Opiumkriegen begonnen, noch vor der Entstehung des Marxismus-Leninismus, ja noch vor dem Marxismus überhaupt: 1840 war Marx noch ein junger Student. Es ist nicht der Marxismus, der die Revolution in China hervorruft, sondern der hundertjährige Widerstand des chinesischen Volkes, das nach mühsamer Suche sein volles Selbstbewusstsein in der Ideologie findet, die die Revolution zum Sieg führt.“ [x]

Die widersprüchliche Entwicklung Chinas nach Gründung der Volksrepublik 1949 behandelt Losurdo im Kontext der generellen Probleme erfolgreicher sozialistischer Revolutionen: „Die Geschichte der kommunistischen Bewegung ist beherrscht von einem grundlegenden Problem. Die Revolution hat sich nicht dort vollzogen, wo die kapitalistische Entwicklung am weitesten gediehen war und wo Marx deshalb den Übergang zum Sozialismus am ehesten erwartet hatte. Doch nun, was tun? Wenn man die sozialdemokratische 'Lösung' verwarf, die politische Macht der Bourgeoisie oder, noch schlimmer, herrschenden Klassen halbfeudalen und halbkolonialen Typs anzuvertrauen bzw. zurückzugeben, konnte man der Verwirrung, die Ergebnis der ausgebliebenen Revolution im Westen war, auf drei verschiedene Weisen begegnen. Und tat dies historisch auch. Die ersten beiden sind hinreichend bekannt. Das Land, in dem die Kommunisten die Macht erobert haben, wird in erster Linie als Basis genutzt, von der aus die Revolution ausgeweitet werden kann und für sie vor allem die kapitalistischen Zentren erobert werden können. Oder die Hauptaufgabe wird, angesichts der ungünstigen internationalen Kräfteverhältnisse darin gesehen, in diesem Land den Sozialismus zu errichten, das neue Gesellschaftssystem, das dazu berufen ist, an die Stelle des Kapitalismus zu treten. Diese beiden Wege erweisen sich heute als völlig ungangbar, und zwar wegen der internationalen Kräfteverhältnisse in ökonomischer wie militärischer Hinsicht.“ [xi]        

Nach Stalins Tod am 5. März 1953 lockerte sich das bis dahin enge Bündnis zwischen China und der Sowjetunion. Kein Verständnis gab es in Moskau nun für den chinesischen Willen, alles zu tun, um die vollständige Integrität des Landes wiederherzustellen, worunter in erster Linie die Rückgewinnung Taiwans verstanden wird. 1958 eskalierte der Konflikt um die abtrünnige Insel. Chinesische Artillerie beschoss die dem Festland direkt vorgelagerten aber von Taiwan als sein Territorium angesehenen Inseln Quemoy und Matsu. Die USA drohten daraufhin mit dem Einsatz ihrer Flotte und sogar mit der Atombombe. Moskau machte deutlich, dass es im Falle eines Krieges Peking militärisch nicht unterstützen werde. Dort dachte man nicht daran, den mühsam erreichten Status quo gegenüber den USA aufs Spiel zu setzen: „Zwischen China und der Sowjetunion gibt es zu diesem Zeitpunkt verständliche Interessenunterschiede. China will auf keinen Fall den Verlust Taiwans und eine weitere territoriale Zerstückelung hinnehmen, auf die Washington abzielt; die UdSSR ist in erster Linie an einem Tauwetter der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten interessiert, auch um die furchtbare Last des Kalten Krieges und des Wettrüstens zu mindern.“ [xii]    

Losurdo beschreibt die gegensätzlichen Sichtweisen: „Ein Anzeichen für nationalistische und provinzielle Begrenztheit ist diese Haltung für die sowjetische Führungsspitze, die ihrerseits verdächtigt wird, aus egoistischem und opportunistischem Kalkül taub zu sein für die Emanzipations- und Befreiungsbedürfnisse der Kolonial- oder Exkolonialvölker.“ [xiii]  Und: „Die gegen die chinesische Führung gerichtete Kritik der provinziellen Kurzsichtigkeit und der Politik des Abenteuers erlebt eine rapide Eskalation: auf dem Gipfel der Polemik wird die chinesische Führung beschuldigt, der sowjetisch-amerikanischen Atomkatastrophe Vorschub zu leisten, um schließlich die Welt dank ihres größeren demographischen Potentials zu beherrschen.“ [xiv] Peking antwortet mit dem Vorwurf des „Sozialimperialismus“ gegen Moskau und sieht die Sowjetunion „von neuen (nun roten) Zaren“ beherrscht. Der auf unterschiedlichen nationalen Interessen beruhende Konflikt wird ideologisch, im Streit um die richtige Auslegung des Marxismus-Leninismus, ausgetragen.

Die Entfremdung zwischen den beiden, aus sozialistischen Revolutionen hervorgegangenen Ländern sollte lange andauern. 1969 kommt es am sibirischen Grenzfluss Ussuri sogar zu einem bewaffneten Konflikt um einige im Fluss gelegene Inseln mit Opfern auf beiden Seiten. Losurdo zitiert Deng Xiaping bei einem Treffen am 16. Mai 1989 mit Gorbatschow in Moskau, bei dem er über die Gründe für die lang anhaltende Feindschaft sprach: „'Ich glaube nicht, dass dies wegen der ideologischen Diskussionen geschehen ist; wir denken nicht mehr, dass alles, was damals gesagt wurde, richtig wäre. Das Hauptproblem war, dass die Chinesen nicht gleichberechtigt behandelt wurden und sich gedemütigt fühlten. Dennoch haben wir nie vergessen, dass die Sowjetunion uns während des ersten Fünfjahresplans geholfen hat, die Grundlagen der Industrie zu legen.'“ [xv] Für Losurdo ist „in Wahrheit doch etwas Interessantes aus diesen 'ideologischen Diskussionen' hervorgegangen: die Unhaltbarkeit des Anspruchs seitens eines Führungslandes oder einer Führerpartei, ihrer eigenen Außenpolitik (und ihren legitimen nationalen Interessen) die politische Linie (und die legitimen nationalen Interessen) der anderen 'Bruder'-länder, - parteien und – bewegungen unterzuordnen: ein Anspruch, gegen den sich China, dank der beständig der nationalen Frage zugewandten Aufmerksamkeit, insgesamt viel immuner erweist als die Sowjetunion. Deutlich zeigt sich also die komplexe und gewundene Natur des internationalistischen Weges.“ [xvi]            

Großer Sprung nach vorn, Kulturrevolution und sozialistische Marktwirtschaft

Wenn der Revolutionsexport nicht möglich war, was bedeutet, dass das Land, in dem die Kommunisten die Macht erobert hatten, nicht „in erster Linie als Basis genutzt“ [xvii] werden konnte, um von dort die Revolution auszuweiten, wie stand es dann aber mit der von Losurdo benannten zweiten Option, nach der die ungünstigen internationalen Kräfteverhältnisse ein Land zwingen können, weitgehend isoliert und eigenständig „den Sozialismus zu errichten, das neue Gesellschaftssystem, das dazu berufen ist, an die Stelle des Kapitalismus zu treten“? [xviii]

In der Geschichte der Volksrepublik China gab es zwei Versuche, alle nationalen Ressourcen zu bündeln, um so aus eigener Kraft den Status eines fortgeschrittenen Landes auf Höhe der westlichen Industriestaaten zu erreichen: Die Kampagne des „Großen Sprungs nach vorn“, zwischen 1958 und 1961 sowie die 1966 eingeleitete Kulturrevolution, die erst mit Maos Tod 1976 endgültig endete.

In den fünfziger Jahren werden die Ziele der angestrebten wirtschaftlichen Entwicklung deutlich nach oben verändert. Es soll der „Großen Sprungs nach vorn“ gelingen. „In seinem Bericht auf dem VIII. Parteikongress im Jahre 1958 lanciert Liu Shaoqi (…) eine Mao zugeschriebene Losung 'England in fünfzehn Jahren erreichen'. Die Furcht vor einer internationalen Isolierung treibt zur forcierten Beschleunigung. Das Wunder zu vollbringen sind die 'Arbeitsheere' aufgerufen, die sich im Verlauf des ' Großen Sprungs nach vorn' mobilisieren, mit den kleinen Dorf-Hochöfen, die auf der Woge der Massenbegeisterung installiert werden.“ [xix] Der Durchbruch zur Industrienation gelingt trotz aller Entbehrungen und Anstrengungen nicht. Aufgrund der gleichzeitigen Vernachlässigung der Landwirtschaft kommt es stattdessen zu einer verheerenden Hungersnot im Land.

Ein erneuter Versuch des schnellen Aufholens gegenüber den Industriestaaten und zur Überwindung „der Verspätung Chinas im Vergleich mit dem Westen“ scheitert mit der Kulturrevolution, die Mao 1966 ausruft und die 1976 im Chaos endet: Damit „verschwunden ist (…) die Illusion, man könnte die Entwicklung der Produktivkräfte vorantreiben, indem man permanent an die revolutionäre Begeisterung der Massen appelliert.“ [xx]  

Doch es gibt neben dem Revolutionsexport und dem Setzen auf die eigene Kraft nach Losurdo „noch eine weitere Möglichkeit, dem Problem (der Unterentwicklung, A. W.) zu begegnen (…). Sie wurde seinerzeit besonders klar vom ersten Präsidenten der Chinesischen Volksrepublik, von Liu-Shao-Chi formuliert; ihm zufolge bestand die Hauptaufgabe der neuen Volksmacht nach dem Sieg der Revolution darin, die zurückgebliebenen Produktivkräfte zu entwickeln, Diese Theorie der Produktivkräfte, wie sie Mao verächtlich nannte, wurde während der 'Kulturrevolution' Gegenstand einer heftigen Anklagekampagne. Und doch hat sie schließlich triumphiert – und zwar seit der Dritten Vollversammlung des 11. Zentralkomitees 1979, das heißt seit der Rückkehr Deng Xiaopings an die Macht.“ [xxi]  

Für Losurdo steht fest: „Wenn wir die Revolution in China unter Berücksichtigung ihres gesamten Verlaufs analysieren (man vergesse hierbei nicht, dass die KPCh schon zwei Jahrzehnte vor der Machtübernahme auf nationaler Ebene beginnt, Erfahrungen der Machtausübung zu sammeln) dann können wir feststellen, dass der Große Sprung nach vorn und die Kulturrevolution einen kurzzeitigen Bruch innerhalb eines Prozesses darstellen, der sich im Übrigen durch eine substanzielle Kontinuität auszeichnet.“ [xxii]   

Aus dem Scheitern sowohl des Revolutionsexports als auch des alleinigen Setzens auf die eigenen Kräfte zieht Losurdo weitreichende Konsequenzen, die für ihn nicht alleine nur für China gelten, sondern Allgemeingültigkeit für jede heutige revolutionäre Politik besitzen: „Auf politischem wie ökonomischen Gebiet ist kein Sozialismus mehr denkbar, der nicht Bilanz zieht und die fortgeschrittensten Erfahrungen des kapitalistischen Westens auf der Woge der bürgerlich-demokratischen Revolution nicht schöpferisch auszuwerten versteht.“ [xxiii] Und was den weiteren Weg des Riesenlandes selbst angeht, so sei er nicht vorhersehbar: „Was China betrifft, so ist weiterhin das aus der Revolution hervorgegangene Neue nicht nur auf der Suche nach der politischen Form, sondern auch der ökonomisch-sozialen Inhalte, in denen sie ihren stabilen Ausdruck finden soll. Wir haben es mit einem Langzeitprozess zu tun, der sich noch in voller Entfaltung befindet; er hat schon außerordentliche Resultate erzielt, aber seine Weiterentwicklung und sein Ausgang sind noch völlig unvorhersehbar.“ [xxiv]     

China – ein kapitalistisches Land?  

Nun wird dem heutigen China von verschiedener Seite vorgeworfen, gar kein sozialistisches Land mehr zu sein. Als Beweise werden die Existenz eines großen privaten Wirtschaftssektors und die Entstehung einer Schicht von neuen Reichen, ja sogar Superreichen vorgeworfen. Dabei wird allerdings übersehen, dass diese Begüterten zwar ihren Reichtum oft protzig zur Schau stellen, aber kaum über gesellschaftlichen Einfluss verfügen. Um China als kapitalistisch oder gar als imperialistisch bewerten zu können, müsste es aber von einer Bourgeoisie geführt werden. Das ist aber nach Losurdo nicht der Fall. „Kein Zweifel: dort hat sich eine solide Bourgeoisie herausgebildet, die jedoch derzeit keine Möglichkeit hat, ihre ökonomische Macht politisch umzusetzen.“ [xxv] „Es geht also darum, zwischen ökonomischer Expropriation und politischer Expropriation der Bourgeoisie zu unterscheiden. Nur letztere muss strikt durchgeführt werden, während die erste, wenn sie nicht in ganz bestimmten Grenzen verläuft, die ökonomische Entwicklung zu kompromittieren droht, die die territoriale Integrität und die Wiedergeburt des Landes gewährleisten soll (…)“ [xxvi]

Doch viele Linke rechnen China dem kapitalistischen und sogar dem imperialistischen Lager zu. Nach Losurdo hat „zur negativen Haltung vieler Linker gegenüber der Volkrepublik China nicht zuletzt die weit verbreitete Behauptung beigetragen, in diesem Land habe sich bereits eine vollständige Restauration des Kapitalismus vollzogen.“ [xxvii] Für Losurdo steht dagegen fest: „Wenn sich heute, vor allem nach dem Zusammenbruch des 'sozialistischen Lagers', ein Entwicklungsland mittels einer radikalen Nationalisierung der Produktionsmittel völlig dem kapitalistischen Markt verschlösse, bliebe es, selbst wenn man absieht von den Repressalien kommerzieller und militärischer Art, die das wohl zur Folge hätte, gänzlich abgeschnitten von der fortgeschrittensten Technologie und könnte gewiss das Problem der Entwicklung der Produktivkräfte ebenso wenig lösen wie das des Aufbaus des Sozialismus.“ [xxviii]     

Scharf geht Domenico Losurdo daher mit jenen Linken ins Gericht, die den „Sieg des Kapitalismus und Imperialismus (in China, A.W.) für abgemacht hält“, denn die haben „nicht nur kapituliert“, sondern beweisen damit auch, dass sie „von einigen grundlegenden Tatsachen keine Ahnung“ haben. [xxix] Er erinnert daran, dass bereits die noch von Lenin in Russland 1921 eingeleitete „Neue Ökonomische Politik“ (NÖP, auf Russisch NEP) von vielen Linken „nicht viel anders“ beurteilt wurde als heute die sozialistische Marktwirtschaft in China. [xxx] Zur Beschreibung der damaligen Lage zitiert Losurdo den englischen Historiker Orlando Figes: „Diese Prahlerei (der durch die NÖP reich Gewordenen, A.W.) 'auf dem Hintergrund des Hungers und der beeindruckenden Leiden jener Jahre' ruft 'ein verbreitetes Gefühl bitteren Ressentiments' hervor. Eine Krise trifft die kommunistische Partei: 'In den Jahren 1921-22 zerreißen buchstäblich Zehntausende von bolschewistischen Arbeitern, angewidert von der NÖP, ihr Parteibuch: Sie hatten sie in Neue Erpressung für das Proletariat umgetauft.'“ [xxxi]     

Nur Verachtung hat Domenico Losurdo für jene übrig, die sich im Westen als besonders radikal und revolutionär empfinden wenn sie die Führung der Volksrepublik Chinas des Verrats bzw. der Kapitulation vor dem Imperialismus bezichtigen: „Heute (…) sind es kleine Parteien und ehrgeizige Minderheitsgrüppchen, die den Bannfluch gegen eine kommunistische Partei von zig Millionen aktiven Kämpfern schleudern, gegen die Protagonisten einer großen nationalen und sozialen Revolution und Initiatorin eines Prozesses, der das volkreichste Land aus der Unterentwicklung herausführen wird und der deshalb dazu bestimmt ist, die politische Geografie des Planeten und die internationalen Kräfteverhältnisse grundlegend zu verändern. Kein Zweifel, die Tragödie ist zur Farce geworden. Doch diese Farce kann eine viel schwerere Tragödie schüren, da sie die Manöver des Imperialismus begünstigt, die darauf abzielen, das Land, dessen ökonomische und politische Entwicklung in Washington und anderen Hauptstädten die Alarmglocken läuten lässt, zu isolieren und zu schädigen.“ [xxxii]             

 

[i] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass, Marxistische Blätter, Flugschriften 01, Essen 2000, S. 39

[ii] Domenico Losurdo, Wenn die Linke fehlt… Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg, Köln 2017, S. 278

[iii] Domenico Losurdo, Wenn die Linke fehlt…, a.a.O., S. 280

[iv] Domenico Losurdo, Die Sprache des Imperiums – Ein historisch-philosophischer Leitfaden, Köln 2011, S. 104

[v] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 140

[vi] Der Aufruf „Olympia für Hunde und Chinesen verboten“ wurde in Deutschland in der Tageszeitung junge Welt am 29.05.2008 veröffentlicht.

[vii] Domenico Losurdo Die Linke, China und der Imperialismus, Marxistische Blätter, Flugschriften 02, Essen, 2000

[viii] Domenico Losurdo, Gewaltlosigkeit – Eine Gegengeschichte, Hamburg 2015

[ix] Domenico Losurdo, Der westliche Marxismus – Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte“, Köln 2021, S. 159

[x] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 124

[xi] Domenico Losurdo, Die Linke, China und der Imperialismus, a.a.O., S. 26 f.

[xii] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 128

[xiii] Domenico Losurdo, Scheitern – Verrat – Lernprozess. Drei Ansätze zur Interpretation der Geschichte der kommunistischen Bewegung, in: Z – Zeitschrift marxistische Erneuerung, a.a.O., Heft 53, März 2003, S. 131. S. 14   

[xiv] Ebenda

[xv] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 133

[xvi] Domenico Losurdo, Die Dialektik der Revolution – Russland und China im Vergleich, Topos – Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, Heft 18, Napoli 2001, S. 51

[xvii] Domenico Losurdo, Die Linke, China und der Imperialismus, a.a.O., S. 26 f.

[xviii] Ebenda

[xix] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 130

[xx] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 134

[xxi] Domenico Losurdo, Die Linke, China und der Imperialismus, a.a.O., S. 27

[xxii] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 139

[xxiii] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass, a.a.O., S. 42

[xxiv] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 139

[xxv] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass, a.a.O., S. 43

[xxvi] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 127

[xxvii] Domenico Losurdo, Die Linke, China und der Imperialismus, a.a.O., S. 26

[xxviii] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 168

[xxix] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 167

[xxx] Domenico Losurdo, Die Dialektik der Revolution – Russland und China im Vergleich, a.a.O., S. 53 f.

[xxxi] Ebenda

[xxxii] Domenico Losurdo, Flucht aus der Geschichte? Die russische und die chinesische Revolution heute, a.a.O., S. 168 f.

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